Jimmie Durham

Article Bio Works Projects
crossroads:
Identität, Marginalisierung, Natur, Schamanismus
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Bildhauerei, Installation, Malerei, Performance, Videokunst, Zeichnung)
region:
America, North, Europe, Western
country/territory:
United States of America, Germany
city:
Berlin, Brussels, Cuernavaca, Geneva, New York
created on:
May 9, 2003
last changed on:
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Jimmie Durham
"Jimmie Durham with goethe-ite." copyright m.t.alves

Article

Eine Erforschung der Welt

„Some collide, some escape“: So lautete der Titel einer Ausstellung von Jimmie Durham, die im Jahr 2005 in einem ehemaligen Kuhstall der Humboldt-Universität zu sehen war.Dort, wo in sozialistischen Tagen landwirtschaftliche Forschung betrieben wurde. „Some collide, some escape“, ein guter Name für die Kunst des 1940 geborenen Durham. Denn diese ist aus Widersprüchen gemacht.
Durham eröffnete „Some collide, some escape“ mit einer vegetarischen Performance, aß eine Blume – und offenbarte im Uni-Kuhstall seinen künstlerischen Kosmos: Zu sehen waren eine alte Zahnbürste zwischen faulen Äpfeln, von Federn verzierte medizinische Instrumente, Eierschalen, Knochen, Felle und einiges mehr: eine Erforschung der Welt, eine Erforschung des Alltags. „Alltags-Ethnologien“ wurden seine Präsentationen gelegentlich genannt.

Die Kunst Durhams hat viele Stränge: Der 1940 in Washington/Arkansas geborene, vom Volk der Cherokee abstammende Durham ist Dichter, Performer und Bildender Künstler. In den 1960er-Jahren realisierte er Theaterprojekte – seine erste Einzelausstellung war 1965 in Austin zu sehen. Es folgte 1969 der Umzug nach Genf, später nach Mexiko. Nicht zu trennen von seiner Arbeit als Künstler ist Durhams Engagement als politischer Aktivist und führender Vertreter der indianischen Bürgerrechtsbewegung seit Beginn der 1960er-Jahre. Er war Mitbegründer des „International Indian Treaty Council“ und vertrat die Organisation bei der UNO. Seit 1998 lebte Durham in Berlin, zuerst als Gast des Deutschen Akademischen Austauschdienstes.

Durham ist ein Künstler, der zwischen vielen Polen oszilliert: Text und Sprache bestimmen seine Arbeit. Oft steckt eine wundervolle Poesie darin, etwa in jenem Werk, das er 1992 in Kassel bei der documenta realisiert hat: „This Stone is from the Mountain / This Stone is from the Red Palace“ nannte er die kleine, beiläufig inszenierte zweiteilige Arbeit aus Stein – ein in hohem Maße ironischer Höhepunkt der damaligen Schau undein Kommentar auf die Ausstellungskultur, auf die Ehrfurcht, mit der wir Ausstellungsstücken begegnen. Man sollte ihnen nicht glauben, genau so, wie man auch sonst dem Glauben abschwören sollte, schrieb er einmal: „Glaubt nichts. Glauben ist ein böses, unmenschliches Phänomen. Menschen entwickelten sich, um zu hinterfragen und zu ergründen und nicht, um zu glauben.“

Eine andere, im Kunstverein München gezeigte Ausstellung nannte Durham „Between the Furniture and the Building“. Hier zeigte er „St. Frigo“, einen von Steinwürfen demolierten Kühlschrank – das „Gegenteil einer Skulptur“, wie Durham selbst sagte: „Ich brauchte neun oder zehn Tage. Jeden Morgen warf ich Steine auf den Kühlschrank. Das war, als ginge ich ganz normal zur Arbeit. Man geht in der Früh aus dem Haus und wirft Steine auf den Kühlschrank, bis man seine Form verändert ... Statt mit Werkzeug aus dem Stein eine Skulptur zu hauen, wollte ich den Stein selbst als Werkzeug benutzen und nicht eine neue Form schaffen, sondern ein bereits existierendes Objekt verändern.“ Steine auf einen unschuldigen Kühlschrank – ist das Wut, die sich hier artikuliert?

Arbeiten von Durham stellen sich auf vielfältige Weise dar: Er entwarf für die Berliner Staatsoper das Bühnenbild einer Oper, zeigte in seinen Ausstellungen versteinertes Gebäck, einen versteinerten Gummiball oder auch eine übergroße verschlossene Eisentür, die auf dem Boden liegt. Oft ist es Verwirrung, die der Künstler evozieren will. Ein anderer wichtiger Bereich seines Schaffens sind Künstlerbücher, die literarische Texte mit Fotografien seiner Performances oder Zeichnungen vereinigen. In ihnen sinniert Durham viel über Sprache, Worte und Schrift, über ihre Herkunft und ihre Funktionen.

Vielleicht ist es typisch für den Künstler, dass er sich mit der Herkunft von Worten beschäftigt – er, der Zeit seines Lebens rastlos die Länder wechselte, sich selbst einmal als „verlorenes Waisenkind“ beschrieb, als einen Menschen, der kein Zuhause hat, aber nie aufhört, sich danach zu sehnen. Durham sieht sich weder als indianischen noch als amerikanischen Künstler. Er lebte in Marseille, in Brüssel, an vielen Orten der USA, in Mexiko und Europa, mittlerweile in Rom.

Seine Kunst ist kaum ohne diese ständigen Ortswechsel denkbar. Durham ist ein Sammler, ein Arrangeur des Alltags. Er stellt zusammen, arrangiert – oder er destruiert: Einmal hat er eine Ausstellungsvitrine mit einem Stein zerstört, der – so der Künstler – aus Metternichs Haus stammte. Doch kann man ihm das glauben? Wahr indes ist: In Sydney ließ er einen riesigen Fels auf ein neuwertiges Auto werfen.
Author: Marc Peschke

Bio

Jimmie Durham bewegt sich seit Anfang der 1960er-Jahre zwischen Kunst, Schriftstellerei, Performance und Politik. Er war Organisator und Mitglied des Zentralrats des American Indian Movement und Direktor des International Indian Treaty Council sowie dessen Vertreter bei den Vereinten Nationen. Gegen Ende der 1970er nimmt sein Aktivismus eine visuelle Form an: Er schafft Kunstobjekte, die direkt ins Herz der Vorurteile und gängigen Klischees zielen. Zunehmend definiert sein Werk eine bestimmte Erfahrung der Dinge in der Welt – die Beziehung zu einem Ort, einer Architektur, einer Landschaft. Aus der Erfahrung eines Objekts entsteht in Verbindung mit Text eine visuelle Erzählung.

Works

Durham, Jimmie. Rejected Stones… / Pierres rejetées…

Published Written,
2010
Katalog (FR./EN). Hrgg von Musée d´art moderne de la Ville de Paris. Texte von Pascal Beausse, Sandra Cattini, Anselm Franke, Anri Sala u.a.

The Second Particle Wave Theory

Published Written,
2006
Hrgg. von Robert Blackson & Candice Hopkins (EN). Sunderland

The American West

Published Written,
2005
Katalog (EN). Kuratoren: Jimmie Durham und Richard Hill. Texte von Jimmie Durham, Jean Fisher, Bonnie Fultz, Jen Budney, Simon Ortiz, Richard William Hill. Comton Verney

Jimmie Durham

Published Written,
2004
Katalog (EN/I). Texte von Jimmie Durham, Anna Daneri, Roberto Pinto und anderen. Milano

Stone Heart

Published Written,
2001
Kitakyushu

Fact and Fiction: Arte e narrazione

Published Written,
1998

Between the Furniture and the Building (Between a Rock and a Hard Place)

Published Written,
1998

Unbuilt Roads

Published Written,
1997

Der Verführer und der Steinerne Gast

Published Written,
1996

Jimmie Durham

Published Written,
1995
by Laura Mulvey/Dirk Snauwaert/Mark Alice Durant, London: Phaidon Press 1995

A certain lack of coherence. Writings on art and cultural politics

Published Written,
1994
London: Kala Press, 1994

The East London Coelacanth

Published Written,
1992
London: ICA / Bookworks, 1992

GRUPPENAUSSTELLUNGEN (Auswahl)

Exhibition / Installation
2004 Lies Lust Art & Fashion, Podewil, Berlin 2001 Triennale, Yokohama More Works about Buildings and Food, Hangar 7, Oeiras/Lissabon Biennale, Venedig 4Free, BüroFriedrich, Berlin Bosch, Boijmans Van Beuningen Museum, Rotterdam Ars 01, Kiasma, Helsinki 2000 Over the Edges, S.M.A.K., Ghent Initiare, Centro Cultural de Belem, Lissabon Indoor, S.M.A.K., Ghent Heimat Kunst, Haus der Kulturen der Welt, Berlin Around 1984, PS 1, New York Alte Synagoge, Saloniki Les figures de la marche, Musée Picasso, Antibes Waterfront, Kathedrale, Helsingburg/Schweden Five Continents and One City, Museo de la Ciudad, Mexiko-Stadt 1999 Indoor, Musée d´Art Contemporain, Lyon Biennale, Venedig Originale echt falsch, Neues Museum Weserburg, Bremen With Nothing Up Our Sleeves, Centre for Contemporary Art, Sittard/Niederlande Echigo-Tsumari Biennale, Matsunoyama/Japan L´ultimo disegno del 1999, Zerynthia, Rom 1998 Ucelli/Birds, The Bird Park, Paliano/Italien Non-Painters Painting, Galerie Berlin Tokyo, Berlin Indoor, The Old School House, Serre di Rapolano/Italien Crossings, National Gallery of Canada, Ottawa Self-Portraits, Academy of Art, Malmö 1997 Around Us, Inside Us, Museum for Contemporary Art, Boras/Schweden Hora Est, Stedelijk Het Domain Museum, Sittard/Niederlande Summerproject, Stefan Andersson Gallery, Umea/Schweden Citta natura, Palazzo delle Esposizioni u.a., Rom Galleria Via Farini, Mailand Biennale, Istanbul Jingle Bells, Galleria Maximo di Carlo, Mailand 1996 Meridian Crossing, Monastery Plasy, Plasy/Tschechien Flags, Culturgest, Lissabon 1995 Maisons Cerveaux, La Ferme du Buisson, Noisel/Frankreich Strangers in the Artic, Rundetarn, Kopenhagen 1994 "don´t look now", Thread Waxing Space, New York Fire! Or Imperialism! (Performance): Outside the Frame. Performance Art and The Object, Cleveland/Ohio Beelden Buitin 94, Centrum Gildhof, Tielt/Belgien Economies, Galerie Roger Pailhas, Marseille Cocido y crudo, Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid Faret Tachikawa Project, Art Front Gallery, Tokio Transformers. The Art of Multiphrenia, Center for Curatorial Studies, Bard College, Anandale; Herbert F. Johnson Museum, Cornell University; University of Michigan Museum of Art 1993 Rendez(-)vous, Museum van Hedendaagse Kunst, Ghent Whitney Biennial, Whitney Museum of American Art, New York On taking a normal situation..., Museum of Contemporary Art (MUHKA), Antwerpen States of Loss - Migration, Displacement, Colonialism and Power, Jersey City Museum, New Jersey 1992 America - Bride of the Sun, Royal Museum of Fine Arts, Antwerpen Documenta IX, Kassel Dissent, Difference and the Body Politic, Portland Art Museum, Oregon; Otis Parsons School of Art and Design, Los Angeles Will/Power, Wexner Center for Visual Arts, Columbus/Ohio Land, Spirit, Power, National Gallery of Canada, Ottawa Regarding America (Ante América), Banco de la República, Biblioteca Luis Ángel Arango, Santafé de Bogotá; Queens Museum of Art, New York For the Seventh Generation. Native American Artists Counter the Quincentenary, Golden Artists Colors Gallery, Columbus/New York Mistaken Identities, University Art Museum of California, Santa Barbara/Kalifornien etc. (Installation und Performance with Maria Thereza Alves and Alan Michelson): Edge 92 Festival, Madrid and London (Installation and Performance with Maria Thereza Alves): Museo de Monterrey, Monterrey/Nuevo León 1991 Souvenir of Site Seeing. Travel and Tourism in Contemporary Art, Whitney Museum of American Art - Downtown, New York Savage (Performance): Time Festival, Museum van Hedendaags Kunst, Ghent The Subversive Stitch, Simon Watson, New York Spiritual Cargo. Shamanistic Manifestations, Atrium Gallery, Connecticut The Interrupted Life, The New Museum of Contemporary Art, New York 1990 Crazy for Life (Performance): Dance Theater Workshop, New York The Self-Taught Artist (Performance): Exit Art, New York Catskills Give-away (Performance): Art Awareness Lexington, New York Savoir Faire, Savoir Vivre, Savoir Etre, Centre International d´Art Contemporain de Montréal, Québec Savagism and You (Performance): Whitney Museum Downtown, New York Holy Wars, Exit Art, New York (Performance): Orchard Gallery, Derry 1989 Hermeneutical Considerations of the Bishop´s Moose (Performance): Exit Art, New York 1988 Re-Visions, Walter Philips Gallery, Banff/Alberta Acts of Faith, Cleveland State University, Southeast Massachusetts University, North Dartmouth Four Scenes for the British Army (Performance): Orchard Gallery, Derry 1987 I want to Say Something (Performance): La Mamma Theater, New York Rider with No Horse, American Indian Gallery The Law and Order Show, John Weber Gallery, Leo Castelli Gallery, Barbara Gladstone Gallery, Paula Cooper Gallery, all in New York The Soaring Spirit, Morris Museum, Morristown/New Jersey 1986 Start Again, Ground Zero, New York New Art, New York, Harlem School of the Arts, New York Por encima el bloqueo, Museo del Chopo, Mexiko-Stadt; Centro Wifredo Lam, Havana Mixed Media, Mixed Mores, U.S. Courthouse, New York 1985 Forecast. Images of the Future, Kenkeleba Gallery, New York New York Indians´ Perspectives, American Indian Community House Gallery, New York Traditions and Modern Configurations, AAA Art New York, Wake Forest University, Winston-Salem Manhattan Give-away (Performance): Franklin Furnace, New York Personal History Public Address, Minor Injury Gallery, Brooklyn/New York Dimensions in Dissent, Kenkeleba Gallery, New York 1984 Call and Response. Art on Central America, Colby College, Waterville/Maine Racist America (Performance: A Trick), Dramatis Personae Gallery, New York Art Against Apartheid, Abyssinian Baptist Church, New York 1983 Invitational. 14 Sculptors Gallery, New York Artists Call Against U.S. Intervention in Central America, Judson Memorial Church, New York Thanksgiving (Performance): PS 122, New York 1982 Beyond Aesthetics, Henry Street Settlement, New York Ritual and Rhythm, Kenkeleba Gallery, New York Manhattan Festival of the Dead (Performance): No Thanks Festival, New York

EINZELAUSSTELLUNGEN

Exhibition / Installation
2001 Solverberget Gallery, Stavanger/Norwegen 2000 Centre for Contemporary Art, Kitakyushu/Japan Barbara Vienna. Bookshop - Publishing House - Gallery, Berlin Stones at Home, Christine König Gallery, Wien Denkzeichen 4. November 1989, Alexanderplatz, Berlin Nordenhake Gallery, Stockholm 1999 Galerie Carrousel, Paris Museu do Chiado, Lissabon Anders Tornberg Gallery, Lund 1998 Self-Portraits, Tanya Rumpff Gallery, Haarlem École Regionale des Beaux-Arts, Rouen Semi-Precious, Lumen Travo Gallery, Amsterdam Drawings, daad-galerie, Berlin 1997 1000 Objects for the 1000 Years Anniversary of Trondheim, Academy of Art, Trondheim Works, Nordenhake Gallery, Stockholm The Center of the World at Chalma, Pori Museum for Contemporary Art, Pori Micheline Szwajcer Gallery, Antwerpen 1996 La porte de l´Europe, Galerie de la Ancienne Poste, Calais (Katalog) Le leçon de l´anatomie, Galerie le College, Rheims (Katalog) The Libertine and the Stone Guest, Wittgenstein Haus,Wien (Katalog) Anders Tornberg Gallery, Lund M.A.J.T., Lille (Videos) 1995 Ropa vieja Spring Collection, Nicole Klagsbrun Gallery, New York Modulo Centro Difusor de Arte, Lissabon A Staff for the Center of the World in Siberia, Yakutsk The Center of the World, De Vleeshal, Middelburg/Niederlande (Kataloge) 1994 Architexture, Micheline Szwajcer Gallery, Antwerpen 1993 Centre d´Art du Domaine Kerguéhennec, Bignan-Locminé/France (with Ricardo Brey and Michelangelo Pistoletto) Kunsthalle, Fribourg (with David Hammons and Pedro Cabrita Reis) Various Gates and Escape Routes, L. A. Louver, Venice/Kalifornien A certain Lack of Coherence, Palais des Beaux-Arts, Brüssel Original Re-runs, Institute of Contemporary Arts, London; Douglas Hyde Gallery, Dublin; Kunstverein, Hamburg (Katalog) 1992 Nicole Klagsbrun Gallery, New York 1991 John Rollin Ridge, Zorro and the Joad Family Players, The Luggage Store, San Francisco C. N. Gorman Museum, University of California, Davis/Kalifornien (with Brian Tripp) 1989 The Bishop´s Moose and the Pinkerton Man, Exit Art, New York; Western Washington University, Bellingham; Museum of Civilisation, Hull/Quebec (Katalog) 1988 Pocahontas and the Little Carpenter in London, Matt´s Gallery, London (Katalog) Orchard Gallery, Derry (Katalog) 1986 John Jay College, New York 1985 Bedia´s First Basement, 22 Wooster Gallery, New York A Matter of Life and Death and Singing, Alternative Museum, New York (Katalog) 1972 Circa Gallery, Geneva École des Beaux-Arts, Genf 1971 Centre des Rencontres, Geneva Circa Gallery, Genf 1967 University of Texas, Austin Adept Gallery, Houston

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Über Wut

Ausstellung, Film, Diskurs

(14 March 10 - 09 May 10)

Homeland Art (HeimatKunst)

Cultural Diversity in Germany

(01 April 00 - 02 July 00)