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Die Stimme der Tradition
Die Tochter einer Kurtisane und eines Brahmanen hatte das Glück, dass ihr Talent durch regelmäßigen Unterricht bei dem großen Meister der Kirana-Schule, Rambhau Kundgulkar alias Sawai Gandharva, geschult wurde. Durch eine spätere Operation an den Stimmbändern wurde ihre Stimme tiefer und der ihres Gurus ähnlicher. Doch auch schon vorher hatte Gangubai versucht, genau wie er zu klingen.
Gangubais Mutter Ambabai war selbst Sängerin, allerdings in der karnatischen Tradition. Warum sollte die Tochter hindustanische Musik studieren? „Meine Mutter wollte das, sie mochte Hindustani-Musik sehr. Leichte Musik war nie meine Stärke. Meine Stimme eignet sich mehr für die reine klassische Musik.“ So impliziert ihre Wahl keine Hierarchisierung der Musikstile, sondern hat in der persönlichen Geschichte begründete Ursachen und entspringt ihrem Gefühl. Während eines Konzerts wurde sie einmal aufgefordert, Marahti-Songs zu singen. Daraufhin faltete sie ihre Hände und erklärte ihren Zuhörern, warum sie dazu nicht in der Lage war: „Wenn ich anfange zu singen, steigen bestimmte Gefühle in mein Herz und meinen Kopf. Es sind genau diese Gefühle, die ich versuche, durch das Medium der Noten zu transportieren. Sie formen meine Musik. Wenn man diese Gefühle tötet, hört meine Musik auf.“
Manche Gefühle hörten für Gangubai Hangal niemals auf. Die Tochter einer Kurtisane und eines Brahmanen trat mit 16 Jahren in die Fußstapfen ihrer Mutter und zog, ebenfalls als Kurtisane, zu dem Geschäftsmann Gururao Kaulgi. Der starb zwar vier Jahre später, doch diese Zeit hat Gangubai Hangal nie vergessen. „Er versuchte sich in verschiedenen Geschäften und verlor überall Geld. Ich musste immer Juwelen und Einrichtungsgegenstände verkaufen, um die Bankkredite abzuzahlen. Das passierte so oft, dass ich die Übersicht verlor.“ Von dieser Situation waren auch ihre Übungsstunden überschattet. „Wenn ich mich zum Üben hinsetzte, fing ich an zu weinen. Ich konnte vor meinem inneren Auge die Szenen des Tages und die Sorgen des nächsten Tages sehen. Es war, als ob sich permanent eine Wolke um mich gewickelt hätte. Ich erstickte an meinen Verantwortlichkeiten.“
Als Tochter der Sängerin und Kurtisane Ambabai und des Brahmanen Chikkurao Nadgir war Gangubai Hangals Stellung in der Kastengesellschaft schmerzvoll undefiniert, und sie erfreute sich weder der Freiheit noch der Privilegien der Brahmanen. Noch Jahrzehnte später erinnert sie sich: „Unser Status als eine Familie erblicher Kurtisanen hinderte sie (die Brahmanen in der Nachbarschaft, d. R.) nicht zu helfen, wenn meine Mutter sich nicht wohl fühlte, aber sie begannen auf Blechtöpfe zu schlagen, wenn ich mich zum Üben hinsetzte, um meine Musik zu übertönen.“ Da sie ihr Haus und ihre Familie nicht verlassen konnte, blieb ihr nur die Möglichkeit, einen Guru in der Nähe finden. Zu ihrem Glück zog der berühmte Guru Sawai Gandharva in die Gegend, so dass sie von ihm erstmals regelmäßigen Musikunterricht erhalten konnte.
Auch der fand in etwas ungewöhnlichen Umständen statt. Mutter und Tochter saßen beide zu Füßen des Meisters, wobei sich Ambabai schnell Notizen machte, die sie später ihrer Tochter systematisch erklärte. Gemeinsam mit Bhimsen Joshi und Feroz Dastur gehört Gangubai Hangal zur dritten Generation der „Kirana Gharana“, die Ustad Abdul Karim Khan gegründet hatte. Vinay Mudgal, Direktor der „Gandharva Mahavisdyalayas“, einer landesweiten Kette von Musikschulen, beschreibt ihre Bedeutung: „An Gangubai wird man sich deshalb immer erinnern, weil sie in ihrer Kunst niemals Kompromisse gemacht hat und die Reinheit einer Tradition bewahrt, die sie von Sawai Gandharva aufgesogen hat \... Gegenüber ihrer Musik hat sie stets eine kristallklare Ehrlichkeit bewahrt, nie das verfälscht, was sie einmal gelernt hat \... Ihre erste Aufnahme habe ich 1932 in Lahore gehört, als ich dort Musik studierte, und unter den Sängerinnen gab es seitdem keine Stimme, die der ihren gleicht. Damals wagte sich keine Frau auf eine öffentliche Bühne \... Uneingeschränktes Lob muss Gangubai dafür gezollt werden, dass sie es gewagt hat, diese Konvention zu durchbrechen. Seit über 50 Jahren tritt sie jetzt schon auf, aber ihr Leben ist so unkompliziert geblieben wie ihre Musik. In einer Welt, die vom Ehrgeiz zugrunde gerichtet wird, bleibt sie einfach und anspruchslos bis zur Selbstverleugnung.“
Obwohl sie in Indien mehrere Platten aufgenommen hat, ist auf dem „Weltmarkt“ nur eine CD erhältlich, auf der westliche Hörer an ihrer Kunst teilhaben können. In der von WERGO veröffentlichten Aufnahme des Hauses der Kulturen der Welt und des Senders Freies Berlin kann man sich davon überzeugen, dass ihre Stimme noch immer strahlend und kräftig ist, ja eigentlich Mikrophone fast überflüssig macht. Mit dabei sind auch ihre Tochter und musikalische Nachfolgerin Krishna Hangal, die sie bei ihren Auftritten musikalisch unterstützt, und ihre Enkelin Anita Hangal.
Zu ihrem 85. Geburtstag fragte sie ein fassungsloser Reporter, warum sie denn immer noch singe. „ Sie nehmen doch Nahrung zu sich, nicht wahr? Musik ist meine Nahrung.“
Bio
Mit 16 Jahren begann sie, von Krishtacharya, einem Schüler Abdul Karim Khans, zu lernen, der den Kirana-Gesangsstil etabliert hatte. Ein Freund der Familie, Dattopnat Desai, führte sie dann bei dem berühmten Theatersänger Sawai Gandharva ein, der ebenfalls ein Abdul Karim Khan-Schüler war. Als Gangubai dazu bereit war, fuhr ihre Mutter mit ihr gemeinsam auf Festivals – zuerst ins nahe Bombay, von wo aus auch 1936 ihr erstes Radioprogramm ausgestrahlt wurde, zwei Jahre später dann zum ersten Auftritt ins ferne Kalkutta. Von da an gab es für Gangubai Hangal kein Halten mehr auf ihrem Weg zur „Großen alten Dame“ der nordindischen Musik. Gegen alle widrigen Umstände kam sie in den vierziger Jahren zu nahtionalem Ruhm, und der Staat und die Musikakademien verliehen ihr alle Ehrungen, Titel und Auszeichnungen, die sie zu vergeben hatten. Als Frau – und alleinige Ernährerin einer ganzen Familie seit dem Tod ihres Mannes vor ca. 30 Jahren – hat sie sich um Karriere und Haushalt gleichzeitig kümmern müssen. Trotz höherer Gagen und verlockender Auftrittsangebote aus Bombay hat Gangubai es vorgezogen, in ihrem Geburtsort Hubli zu bleiben, wo sie heute als Matriarchin einer Großfamilie, zu der mehrere Musiker gehören, lebt. NACHTRAG: Gangubai Hangal verstarb im Juli 2009.





