Mudrooroo

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Colin Johnson, Mudrooroo Narogin, Mudrooroo Nyoongah
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May 26, 2003
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 Mudrooroo
Mudrooroo © Adam Shoemaker

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Vier Namen - welche Identität?

Der 1938 als Colin Johnson in Narrogin, West-Australien, geborene Mudrooroo gilt seit seinem 1965 erschienenen Roman „Wild Cat Falling" als Begründer der so genannten Aborigines-Literatur. Das Oeuvre des Vielschreibers umfasst autobiografische Texte, Romane, Lyrik, Literaturkritik, Drehbücher und Dramen. Als Literat und Wissenschaftler hat er eine Reihe von Debatten über aboriginales und postkoloniales Schreiben angestoßen. Er ist Mitglied des Aboriginal Arts Committee des Australia Council, und gründete gemeinsam mit Jack Davis die Aboriginal Writers, Oral Literature and Dramatists Association.
1966 erschien in Australien der Roman „Wild Cat Falling“, in dem der damals 28-jährige Autor Colin Johnson die Geschichte von Wildcat, einem jungen Aborigine, schildert, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, um dort zwei Tage später wegen versuchten Mordes wieder zu landen. Auch - oder vielleicht gerade - weil „Wild Cat Falling“ als erster Aborigines-Roman überhaupt gilt, war Johnson nicht zufrieden mit seinem Werk und veränderte schon für die Filmfassung 1975 das Ende. 1988 schrieb er die Geschichte erneut aus einer postkolonialen Perspektive. 1988 änderte er seinen Namen (“as a special bicentennial event") in Mudrooroo Narrogin. Inzwischen hat er sich einmal mehr unbenannt und heißt jetzt Mudrooroo. Die Begründung, die er selbst dafür liefert, führt mitten in die Geschichte der schwarzaustralischen Ureinwohner und in den Diskurs über postkoloniale Identität.

„Ich wurde in Narrogin geboren - daher mein Name. 1988 entschied ich, dass einen englischen Namen zu haben nicht angemessen wäre. Da ich in einem kleinen Ort bei Narrogin, der East Cuballing heißt und aus nicht viel mehr als einer Post besteht, geboren wurde und Narrogin auf meiner Geburtsurkunde steht, entschloss ich mich ‚Narrogin´ zumindest als Künstlernamen anzunehmen. ‚Mudrooroo´ kam zu Stande, als ich 1988 mit Oodgeroo Noonuccal diskutierte und sie sagte, wir bräuchten ein ‚Arbeitstotem´ oder ‚Traum´. Da wir Schriftsteller waren, warum nicht ‚Papierrinden´-Baum. ‚Oodgeroo´ heißt Papierrinde in der Noonuccal-Sprache und ‚Mudrooroo´ heißt dasselbe in der Bibbulmum-Sprache, die die Sprache meiner Mutter ist. Daher änderte ich meinen Namen in Mudrooroo. Das entwickelte sich in ‚Mudrooroo Nyoongah´, welches der Name meines Volkes ist. Dann war ich es satt, zu erklären, was Nyoongah bedeutet - der Begriff ‚Aboriginal’ oder ‚Aborigine’ ist eine weiße Täuschung über die Ureinwohner Australiens; ein Nyoongah meint etwas anderes als ein ‚Aborigine´ zu sein - wir sind eine Mischung verschiedener Rassen aus dem Südwesten Westaustraliens. So ist mein Name jetzt Mudrooroo Nyoongah und mein Künstlername Mudrooroo.“ (Aboriginal Voices, S .55)

Genauso wie Mudrooroo hier seine Identitäten dekonstruiert, geht er in seinem Roman „Doin Wildcat“ mit seinem Erstlingswerk „Wild Cat Falling“ um. Als postkolonialer aboriginaler Autor Mudrooroo reinterpretiert er seinen Roman und schreibt ihn aus postkolonialer Perspektive um. Denn der Autor Mudrooroo wirft dem Autor Colin Johnson vor, einen Aborigine so geschildert zu haben, wie ihn sich Nicht-Aborigines vorstellen. In „Doin Wildcat“ kehrt Wildcat 26 Jahre später in das Gefängnis, in dem er früher eingesessen hat, zurück. Er will dem weißen Regisseur und Produzenten Al Wrothberg helfen, einen Film zu drehen, der auf seinem Buch basiert. Der Erzähler beobachtet folglich als gereifter Mann auf dem Film-Set einen Schauspieler, der ihn als jungen Mann spielt. Er gerät damit in eine Position, die ebenso marginal wie zentral ist, ähnlich der der Aborigines in der australischen Gesellschaft. Einerseits steht er hinter der Kamera, andererseits ist sie auf ihn gerichtet. Aus der marginalisierten Kultur heraus nutzt er die vorherrschende, hegemoniale Kultur als Medium seiner Kreativität.

Anders als in „Wild Cat Falling“ spricht Wildcat in „Doin...“ kein Standard-Englisch. Er geht aber noch viel weiter: Er enthüllt, dass sich manche Vorfälle im Gefängnis nicht so zugetragen haben, wie im ersten Buch geschildert. So nannte er eine Szene aus „Wild Cat Falling“, in der er einen Tee-Eimer auf einen Wärter geworfen hat, „eine Wunschvorstellung“ (lit.„wish thing“). Anders als dort dargestellt, fand stattdessen eine kleine Rebellion statt. Doch eine solche kollektive Aktion passte ursprünglich nicht in das literarische Konzept, das an einem individualistisch- existenzialistischen Ansatz orientiert war. Als postmoderner Erzähler hinterfragt Mudroorro seine eigenen Motive und macht deutlich, wie weit die Erwartungen eines weißen Lesepublikums den ersten „Aborigine-Roman“ bestimmten. Selbst das Ende des Romans erklärt sich auf diese Weise.

Der Schauspieler, der Wildcat spielt, kommt zum „Wildcat-Erzähler“ und beklagt sich über das Ende des Films, darüber, dass Wildcat sagt, es täte ihm leid, auf den Polizisten geschossen zu haben. Der erklärt ihm, dass dies ein „Ticket nach draußen“ war. „Es musste ihnen gefallen, deshalb musste es ein Happy End geben. \... Jacky tat es leid, dass er für eine Ewigkeit und einen Tag im Knast war.“ Johnsons Manuskript war an einen homogenisierenden kolonialen Diskurs gebunden, den Mudrooroo und andere aboriginale Autoren in der Zwischenzeit überwunden hatten.

In „Writing From the Fringe“ (1990) formuliert Mudrooroo seine literarische Praxis als ästhetisches Manifest, nämlich als aboriginale Anti-Ästhetik, die gegen den homogenisierenden weißen Diskurs gerichtet ist. Darin grenzt er sich ab gegen die vereinnahmende Bezeichnung „Aborigines“ für Völker, die sich selbst als verschieden betrachten, und entwirft eine „Literatur der Aboriginalität", die auf traditionellen Formen basiert und die schwarzaustralischen Ureinwohner vor einer schleichenden Assimilation bewahren soll. Für gefährlich hält er in dieser Hinsicht liberale, humanistische Sozialreformen, wie sie sich in Gleichberechtigungsprogrammen, Ausbildungs- und Arbeitsprojekten für Aborigines manifestieren. Er gesteht sich dabei ein, dass die Rückkehr zu einer traditionellen Lebensweise unmöglich ist: „Die traditionelle Gesellschaft ist entweder selbst eine Übergangsgesellschaft geworden oder in ein Artefakt verwandelt worden. Sie ist versteinert und die Jugendlichen haben sich von den versteinerten Überresten abgewandt" (ebenda, S. 145).

Mudrooroo sieht die Aborigines als marginalisierte und ghettoisierte Randgruppe, denen von der Mehrheitsgesellschaft nur die nicht akzeptablen Alternativen von „zivilisierter“ und „tribalisierter“ Aboriginalität zugestanden wird. Der aboriginale Autor findet sich daher in einer ambivalenten Position: „Die Weißen nehmen an, dass er oder sie für die weiße Welt schreiben, für die Welt der Invasoren. Es ist ein seltsames Schicksal - nicht für die eigene Leute zu schreiben und noch seltsamer für die Eroberer der eigenen Leute \... Der assimilierte Autor hat sich nach viel Mühen Standard-Englisch angeeignet. Jetzt kann er oder sie sich völlig darin ausdrücken; während er gleichzeitig die ganze Zeit Aborigines-Sprachen und Auflehnung für den vollständigen Aborigines-Diskurs unterstützt.“ (ebenda, S. 148)

Diesem Dilemma kann er nicht entrinnen, erst recht nicht, wenn seine Romane wie „Master of the Ghost Dreaming“ (1991) ins Deutsche („Flug in die Traumzeit“, 1999) übersetzt werden. Dem Publikum im deutschen Sprachraum wird dieses Werk denn auch in der Zusammenfassung beim Internet-Buchhändler Amazon mit genau dem romantisierenden Exotismus angepriesen, dem Mudrooroo zu entkommen versucht: „Von dem einst stolzen Aborigines-Clan hat nur noch eine kleine Gemeinschaft überlebt, denn der Missionar Fada hat mit seinem Christenglauben bloß Elend und Krankheit auf die Insel gebracht. Da führt Jangamuttuk, das Oberhaupt der Gemeinschaft, seine Leute auf eine Reise in eine andere Welt. Mühelos durchbrechen sie Raum und Zeit und finden die Kraft, die Autorität der fremden Zivilisation zu überwinden und in ihre Heimat zurückzukehren.“

Statt sich in der Exotenecke einzunisten, benutzt Mudrooroo die europäische Kultur als Material für die eigenen Zwecke. 1991 nimmt er sich einen deutschen Autor, Heiner Müller, vor und schreibt ein Theaterstück, in dem er dessen Drama „Der Auftrag“ zum Mittelpunkt macht und in den Kontext der aktuellen Aborigines-Diskussion stellt. Die Komödie mit dem Titel „The Aboriginal Protesters confront the proclamation of the Australian Republic on 26 January 2001” wurde am 11. Januar 1996 Sydney uraufgeführt und als Geburtsstunde des schwarzen Theaters in Australien gefeiert. Das Stück handelt von einer Theatertruppe von Aborigines, die sich selbst und Theater spielen. Die Zuschauer wohnen einer Probe von Müllers Stück bei, das am Vorabend der - fiktiven - Ausrufung der australischen Republik, im Jahr 2001, gezeigt werden soll. Die Schauspieler diskutieren und protestieren, Heiner Müller wird hinterfragt, wird kritisiert. In seinem Drama sollen die Ideale der Französischen Revolution nach Jamaika exportiert werden. Drei französische Emissäre kommen 1794 mit dem Auftrag auf die Karibikinsel, eine Revolte gegen die Engländer anzufachen. Sie scheitern - an sich und an der politischen Entwicklung: denn in Frankreich hat die Konterrevolution gesiegt. Der Auftrag der Revolutionäre hat sich erledigt. Mit dem Verrat der Ideale endet Heiner Müller, nicht aber die Aufführung der Aborigines. Nach einer Abstimmung setzen sie das Stück ab. Damit protestieren sie gegen die Ausrufung der „weißen Republik", mit der sie sich nicht identifizieren können. Sie wollen ihre eigene Revolution. Die Zuschauer aber haben am Ende das ganze Stück Müllers gesehen und dabei eine hochinteressante Auseinandersetzung mit einem Stoff erlebt, der im Zentrum des Schaffens von Heiner Müller stand: die Dialektik von Revolution und Verrat.

Im gleichen Jahr 1996 geriet Mudrooroo persönlich in die Auseinandersetzung um aboriginale Identität. Seine Familie enthüllte, er sei gar kein „richtiger Aborigine“, denn seine Mutter soll die Nachfahrin des ersten weißen Kindes sein, das in der Swan River Kolonie (jetzt Westaustralien) geboren wurde. Sein Vater soll ein amerikanischer Schwarzer gewesen sein. Mudrooroo hat sich immer als Aborigine begriffen, auch als Colin Jackson und auch in den fünfziger Jahren, als damit Nachteile und Diskriminierungen einhergingen. Von seiner Verlegerin Mary Durack für die Veröffentlichung von „Wild Cat Falling“ nach seinem Familienhintergrund gefragt, hatte er damals geschrieben: „Datum und Geburtsort, Narrogin, 21. August 1938. Gelebt in Beverly bis neun. Waisenhaus bis 16 (vernachlässigtes Kind). Meine Mutter kam, glaube ich, von Narrogin und lebt noch, glaube ich, in Perth. Mein Vater ist eine Leerstelle - eine Ziffer“. („Identity Parade“, Bulletin, 27. August 1996) Während die Frage seiner Aborigine-Identität von seiner Familie und vielen anderen als eine Angelegenheit der Gene und des Blutes betrachtet wird, verwirft der postmoderne Theoretiker Mudrooroo eindeutige Zuschreibungen: „Was auch immer meine Identität ist, so ruht sie auf meiner über fünfzigjährigen Geschichte, mehr ist dazu nicht zu sagen“ („European Association for the Study of Australia“, Newsletter No. 20, May 1999).

Bio

Mudrooro wurde 1938 als Colin Johnson in Narrogin (Westaustralien) geboren und änderte 1988 seinen Namen in Mudrooroo. Nachdem man ihm seine Mutter im Alter von neun Jahren weggenommen hatte, wuchs er in einem katholischen Waisenhaus auf. Mit 17 kam er ins Gefängnis, zog danach nach Melbourne und arbeitete eine kurze Zeit im öffentlichen Dienst in Victoria. 1965 schrieb er als erster Aborigine einen Roman, "Wild Cat Falling". Danach reiste er lange durch Asien und verbrachte sieben Jahre in Indien, davon drei Jahre als buddhistischer Mönch.

Nach seiner Rückkehr veröffentlichte er diverse weitere Romane. Außerdem arbeitete Mudrooroo als Dichter, Kritiker, Autor von Dramen und Kurzgeschichten und theoretischen Texten. 1988 änderte er seinen Namen Colin Jackson in Mudrooroo. Seine 1990 veröffentlichte Studie über aboriginale Literatur "Writing from the Fringe" hat eine Reihe kritischer Debatten ausgelöst.

Works

The promised land

Published Written,
2000
Roman. Angus & Robertson: Pymble / Sydney

Flug in die Traumzeit

Published Written,
1999
Roman. Unionsverlag: Zürich

The Undying

Published Written,
1998
Roman. Harper Collins: Sydney

The Indigenous Literature of Australia: Milli Milli Wangka

Published Written,
1997
Essays. Hyland House: Melbourne

Pacific highway Boo-Blooz

Published Written,
1996
Gedichte. University of Queensland Press: St. Lucia

Die Welt der Aborigines

Published Written,
1996
Lexikon. Goldmann: München

Der Mann, der nicht da war

Established,
1995
Erzählung. In: Das Land der goldenen Wolken. Renate Schenk Verlag: Bochum

Us Mob: History, Culture, Struggle

Published Written,
1995
Essays. Harper Collins: Sydney

The Kwinkan

Published Written,
1993
Roman. Angus & Robertson: Pymble

Wild Cat Screaming

Published Written,
1992
Roman. Angus & Robertson: Pymble

The green dictionary

Published Written,
1991
Ohne Angabe. Macdonald Optima: London

The Garden of Gethsemane

Published Written,
1991
Gedichte. Hyland House: Victoria

Master of the Ghost Dreaming

Published Written,
1991
Roman. Angus & Robertson: North Ryde

Writing From the Fringe

Published Written,
1990
Essay. Hyland House: Melbourne

Dalwurra, the Black Bittern

Published Written,
1988
Gedichte. University of Western Australia: Nedlands

Doin´ Wildcat

Published Written,
1988
Novel. Hyland House: Melbourne

Doctor Wooreddy´s prescription for enduring the ending of the world

Published Written,
1987
Roman. Hyland House: Melbourne

Long Live Sandawara

Published Written,
1987
Roman. Hyland House: Melbourne

The Song Circle of Jacky and Selected Poems

Published Written,
1986
Gedichte. Hyland House: Melbourne

Cured to death

Published Written,
1982
Ohne Angabe. Secker & Warburg: London

Wild Cat Falling

Published Written,
1965
Roman. Angus & Robertson: Sydney

Www

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