Carlos Monsiváis

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May 26, 2003
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Kaleidoskopischer Resonanzboden Mexikos

Als einer der eigensinnigsten und brillantesten Intellektuellen Lateinamerikas ist der 1938 geborene Carlos Monsiváis in seiner Heimat Mexiko eine Instanz. Neben unzähligen Essays in Tageszeitungen, Sammelbänden und Kulturzeitschriften veröffentlichte er seit 1970 über ein Dutzend Bücher zu allen erdenklichen Aspekten von Kultur und Politik. Darunter Standardwerke über Kino und Literatur, Chroniken „typisch“ mexikanischer Politik und Kultur („Amor Perdido", 1976), über zivilgesellschaftliche Mobilisierung („Entrada Libre", 1987), das Liebesleben der Mexikaner („Escenas de pudor y livianidad", 1988) oder auch Phänomene der lateinamerikanischen (Post-)Moderne („Aires de Familia. Cultura y sociedad en América Latina", 2000). Sein umfangreiches Werk wurde mit zahlreichen Literatur- und Journalistenpreisen ausgezeichnet.
„Mexiko-Stadt ist ein Fressnapf und eine Tränke, ist die Choreografie von Arbeitslosigkeit an den Ampeln, ist ein Theater allgegenwärtiger Szenen, ist das Reiben von Körpern in der Metro, ist die historische Ablagerung von Gerüchen und Ärgerlichkeiten, ist eine Erstkommunion Monate vor der Hochzeit, ist die Sehnsucht nach einem eigenen Zimmer, ist die geblendete Familie vor dem Fernseher, ist das Sich-Bekreuzigen der Taxifahrer in der Nähe der Tempel, ist der freudige und verzagte Einfall in das Nachtleben, ist der Besuch der freiwilligen und unfreiwilligen Museen, ist ein Feldzug von Zollfreiheiten, der die bestürzende und verlogene Ähnlichkeit mit einer nordamerikanischen Stadt unterstreicht." (Carlos Monsiváis: Lugares comunes, sitios inesperados, www.tierramerica.org/ciudades/autmonsivais.shtml)

Scharfsinnig und sarkastisch richtet der Journalist, Essayist, Chronist und Schriftsteller Carlos Monsiváis seinen Blick auf das politische, kulturelle und alltägliche Leben in Mexiko. Der Kulturkritiker Gerardo Ochoa Sancy charakterisierte ihn treffend als einen „kaleidoskopischen Resonanzboden“ und „todologo“ (von todo, alles). (Zit. nach: taz, 5. Januar 2002)

Carlos Monsiváis, der sich für sein berufliches Leben nie etwas anderes als Lesen und Schreiben vorstellen konnte, studierte Philologie und Wirtschaftswissenschaften an der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM). Von 1956-1958 arbeitete er als Redaktionssekretär der Zeitschrift Medio Siglo und von 1957-1959 bei der Zeitschrift Estaciones. Er entwickelte Sendungen für Radio UNAM, wie beispielsweise „El cine y la crítica" (1960-1970) und leitete dessen Schallplattensammlung „Voz viva de México". Von 1972 bis 1987 war Monsiváis Chefredakteur diverser Zeitschriften, u.a. von Siempre.

Große Anerkennung als Literaturwissenschaftler erwarb er sich 1966 mit seiner Anthologie „La poesía mexicana del siglo XX" („Die mexikanische Poesie des 20. Jahrhunderts“), die noch heute als eines der detailliertesten Panoramen der zeitgenössischen mexikanischen Poesie gilt. Darüber hinaus hat Monsiváis sich als Übersetzer nordamerikanischer Gedichte einen Namen gemacht.

Monsiváis ist einer der wichtigsten Vertreter der Generation von 1968, die sich vor allem gegen die repressive und korrupte Politik der PRI (Partei der Institutionalisierten Revolution) stellte. In seiner Chronik „Días de guardar" („Tage der Bewahrung") aus dem Jahr 1970 studierte er den nationalen Kalender mitsamt seiner Feiertage. Beginn der Chronik ist die blutige Niederschlagung der mexikanischen Studentenbewegung durch das Militär am Plaza Tlatelolco in Mexiko Stadt am 2. Oktober 1968, mit der Monsiváis sich sehr kritisch auseinandersetzt.

Als politischer Kommentator ist Monsiváis ein gnadenloser Kritiker der Machtverhältnisse Mexikos und Verfechter der Rechte der indigenen Bevölkerungsgruppen. Mit seiner Erzählung „Nuevo catecismo para indios remisos" („Ein neuer Katechismus für nachlässige Indios“) übte er 1982 ironische Kritik an der christlichen Ethik und deren Praktiken während der Kolonialzeit. Als 1994 zum Jahresbeginn der Aufstand der Zapatisten in Chiapas, im Süden Mexikos, ausbrach, tat er sich durch eine sachliche und detaillierte Berichterstattung zu der Bewegung in diversen Zeitungen und Zeitschriften Mexikos hervor. In seinen Artikeln appelliert er an die Regierenden, sich mit den Forderungen und Rechten der indigenen mexikanischen Bevölkerung auseinanderzusetzen. (Vgl: www.ezln.org/entrevistas/20010108.es.htm) Dabei ist Monsiváis Haltung gegenüber den Zapatistas durchaus kritisch. Wie kaum einem anderen gelingt ihm „die Abwägung zwischen Solidarität und Dissens, zwischen Respekt vor den aufständischen Zapatistas und scharfer Kritik, etwa an Militarismus und Märtyrerdiskursen." (Anne Hufschmid, in: taz, a.a.O)

Der mexikanische Autor Carlos Fuentes ist der Ansicht, dass der Anführer der Zapatistenbewegung, Subcomandante Marcos, ein geistiger Ziehsohn von Carlos Monsiváis sei. Ob das stimmt, sei dahin gestellt, Tatsache ist, dass der Subcomandante und Carlos Monsiváis eine enge Beziehung zueinander hegen, Monsiváis konnte den Anführer der Zapatisten mehrfach interviewen. (In: Autodafe, The censored library, www.autodafe.org/autodafe/autodafe_02/art_06.htm).

In den letzten Jahren hat sich Carlos Monsiváis immer wieder kritisch zu den Folgen der Globalisierung geäußert. Die massenhafte Armut, der die Hälfte aller Mexikaner ausgesetzt ist, wertet er „als schlimmste Form der Ausgrenzung", das marktliberale Einheitsdenken ist ihm „einer der übelsten Fundamentalismen". (Zit. nach: taz, a.a.O.) Einen Hoffnungsschimmer und eine Gegenwelt sind für ihn die zeitgenössische Literatur sowie das Leben auf den kleinen mexikanischen Dörfern, das er als physische und moralische Erholung bewertet. (Vgl.: Satiria – república de las letras, www.satiria.com/libros/anus_2002/opinion/opinion_reves_monsivais.htm).

Immer wieder nähert Monsiváis sich auch Themen der Populärkunst und -kultur. Es gibt kaum ein alltagskulturelles Phänomen, das er nicht schon seziert hätte: darunter Tanzsalons und Fernsehserien, Rockmusik und Kino. „Los rituales del caos" („Rituale des Chaos") ist der Titel einer Essaysammlung zum Konsumspektaktel in Mexiko-Stadt. In der 1981 erschienenen Chronik „Escenas de pudor y liviandad" („Szenen von Scham und Lüsternheit“), für die er den Jorge Cuesta Literaturpreis erhielt, beschrieb Monsiváis das mexikanische Hauptstadtleben als eine große Soap Opera.
Author: Gabriele Stiller-Kern 

Bio

Carlos Monsiváis wurde am 4. Mai 1938 in Mexiko-Stadt geboren und studierte Philologie und Wirtschaftswissenschaften an der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM). Von 1956-58 arbeitete er als Redaktionssekretär der Zeitschrift Medio siglo und von 1957-59 bei der Zeitschrift Estaciones. Carlos Monsiváis entwickelte Sendungen für Radio UNAM, wie beispielsweise „El cine y la crítica“ (1960-1970) und leitete dessen Schallplattensammlung „Voz viva de México".

Zu den ersten verdienstvollen Werken gehört seine Anthologie zur mexikanischen Poesie („La poesía mexicana de siglo XX", 1966). In dem Essayband „Días de guardar“ von 1970 behandelt er das Mexiko der sechziger Jahre, in dem er die künstlich geschaffenen Mythen aus Kultur und Politik seines Landes seziert. Eine Serie von Porträts populärer Helden und Künstler Mexikos enthält der Band „Amor Perdido“ von 1976. Journalistische Chroniken aus fast zwei Jahrhunderten vereinen seine Anthologien und Chroniken „A ustedes les consta“ von 1979 und „Entrada libre. Crónicas de la sociedad que se organiza“ von 1987. Er hat als Autor und Koautor an zahlreichen Publikationen, Essays und Chroniken zur mexikanischen Geschichte, Kunst, Politik und Literatur gearbeitet.

Carlos Monsiváis war Mitbegründer und Mitarbeiter zahlreicher mexikanischer Zeitungen und Zeitschriften: Proceso seit 1976, Nexos seit 1978, der Tageszeitungen Unomásuno seit 1977 und La Jornada seit 1984. Darüber hinaus veröffentlichte er Artikel und Essays in den Zeitungen Reforma und El Financier, Excelsior, La cultura en México, México en la cultura, El gallo ilustrado und Personas, um nur die wichtigsten zu erwähnen. Er arbeitete und forschte ebenfalls am Nationalinstitut für Anthropologie und für Geschichte an der UNAM.

Er dozierte und leitete Konferenzen an zahlreichen mexikanischen und nordamerikanischen Universitäten zu Themen wie Film, Kultur, Kunst und mexikanische Literatur.

Das Werk von Carlos Monsiváis wurde bereits mit zahlreichen nationalen und internationalen Literaturpreisen ausgezeichnet. Ein Teil seiner Schriften wurde ins Englische übersetzt.

Carlos Monsiváis lebt in Mexiko Stadt.

Works

El 68, La tradición de la resistencia

Published Written,
2008
Essay.

El estado laico y sus malquerientes

Published Written,
2008
Essay.

Las alusiones perdidas

Published Written,
2007
Essay.

Imágenes de la tradición viva

Published Written,
2006
Essay.

Las herencias ocultas de la Reforma Liberal del Siglo XIX

Published Written,
2006
Essay.

No sin nosotros". Los días del terremoto 1985-2005

Published Written,
2005
Chronik.

Bolero: clave del corazón

Published Written,
2004
Essay.

Protestantismo, diversidad y tolerancia

Published Written,
2002
Essay.

Las tradiciones de la imagen: notas sobre poesía mexicana

Published Written,
2001
Essay.

Las herencias ocultas del pensamiento liberal del siglo XIX

Published Written,
2000
Essay.

Aires de famiglia

Published Written,
2000
Chronik.

Salvador Novo

Published Written,
2000
Essays.

Die Nordamerikanisierung Mexikos

Published Written,
1997
Essay. In: Lateinamerika heute: Wirtschaft, Politik und Medien. Deutsche-Welle-Forum: Berlin

Mexiko: eine Chronik in Bildern, Szenen und Porträts

Published Written,
1997
Essays. Suhrkamp: Frankfurt am Main

Mexican Postcards

Published Written,
1997
Essays. Verso: London

Los rituales del caos

Published Written,
1995
Chronik.

El genéro epistolar

Published Written,
1991
Chronik.

Between worlds: Contemporary Mexican Photography

Published Written,
1990
Essays. Bellew: London

Lo fugitivo permanece

Published Written,
1990
Anthologie.

Escenas de pudor y livianidad

Published Written,
1987
Chronik.

Entrada libre.

Published Written,
1987
Chronik.

La poesía mexicana III

Published Written,
1985
Anthologie.

De qué se rié el licenciado

Published Written,
1984
Chronik.

Jorge Cuesta

Published Written,
1984
Essays.

Lo fugitivo permanece

Published Written,
1984
Anthologie.

Celia Montalván

Published Written,
1983
Chronik.

A la mitad del túnel

Published Written,
1983
Chronik.

Nuevo catecismo para indios remisos

Published Written,
1982
Erzählungen.

La poesía mexicana II, 1914 -1979

Published Written,
1979
Anthologie.

Sabor a PRI

Published Written,
1979
Chronik.

Amor perdido

Published Written,
1976
Chronik.

Días de guardar

Published Written,
1970
Chronik.

Principados y potestades

Published Written,
1969
Chronik.

Características de la cultura nacional

Published Written,
1969
Essays.

Autobiografía de Carlos Monsiváis

Published Written,
1966
Autobiographie.

La cultura mexicana en el siglo XX

Published Written,
1966
Essays.

Merits

1962-1963 und 1967-1968 – Stipendiat des mexikanischen Zentrum der Schriftsteller (Centro Mexicano de Escritores)
1965 – Stipendiat des Zentrum für Internationale Studien an der Universität in Harvard
1977 – Nationale Auszeichnung für Journalismus
1987 – Literaturpreis Mazatlán
1988 – Literaturpreis Manuel de Buendía
1988 – Literaturpreis Jorge Cuesta für Escenas de pudor y livianidad
1994 – Mitglied des Sistema Nacional de Creadores Artísticos (SNCA)
1995 – Journalistenpreis Francisco Zarco, verliehen vom Club der Journalisten
2001 Internationaler Literaturpreis Anagrama für den Essay Aires de familia
2006 – Premio de Literatura Latinoamericana y del Caribe Juan Rulfo

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

MEXartes-berlin.de

The Mexico-festival in Berlin

(15 September 02 - 01 December 02)

Www

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extra

Die Stunde der angehäuften Identität

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