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Der Wortgewaltige
Mo Yan begann 1981 zu schreiben. Er absolvierte die Kunstakademie der Volksbefreiungsarmee, studierte anschließend am Lu Xun-Literaturinstitut der Pädagogischen Hochschule und veröffentlichte 1986 den Roman „Das rote Kornfeld“. Die Verfilmung des Romans durch Zhang Yimou brachte Mo Yan internationale Anerkennung ein; auf der Berlinale wurde der Film 1988 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Schauplatz der Geschichte, die in der Übergangszeit vom traditionellen zum modernen China spielt, ist Gaomi. Rund um eine Schlacht zwischen chinesischen Dorfbewohnern, vagabundierenden Söldnertruppen und der übermächtigen japanischen Armee, die sich in den Weiten der roten Kornfelder, eigentlich Zuckerhirsefelder, zuträgt, beschreibt Mo Yan die anarchistischen Zustände und brutalen Lebensbedingungen der chinesischen Landbevölkerung
Auch Mo Yans zweiter, 1998 auch in deutscher Übersetzung erschienener Roman „Die Knoblauchrevolte“ spielt in Gaomi. Er erzählt vom Aufstand Knoblauch anbauender Bauern gegen eine korrupte Bürokratie und sorgte in China wegen seiner politischen Radikalität für heftige Kontroversen. Kenzaburo Oe schrieb nach der Lektüre des Romans: „Wenn ich den Nobelpreis verleihen dürfte, er ginge an Mo Yan.“
„Die Schnapsstadt“ (chinesisch „Jiuguo“) ist ein jüngerer Roman Mo Yans. Gerüchte besagen, dass in einer entlegenen Provinz Chinas dekadente Parteikader, die nach der Wirtschaftswende zu Reichtum gekommen sind, kleine Kinder nach allen Regeln der Kochkunst zubereiten lassen. Sonderermittler Ding Gou´er wird in die „Schnapsstadt“ entsandt, um der Sache auf den Grund zu gehen. Doch kaum hat Ding den Fall aufgegriffen, sieht er sich konfrontiert mit einer wahnhaften Welt, die von Aberglaube und Korruption, von Anmaßung und Gier beherrscht wird.
Verfasst nach dem Tiananmen-Massaker durfte „Die Schnapsstadt“ in China nicht veröffentlicht werden und konnte 1992 zunächst nur in Taiwan erscheinen. Zwei Jahre wurde das Werk in den USA verlegt, 2002 auch in Deutschland. „‚Jiuguo’ ist wohl der ausschweifendste, verrückteste und erzähltechnisch experimentierfreudigste, zugleich auch der böseste, ja verzweifelste der drei Romane.“, urteilt Christiane Hammer in der NZZ. Was der Publikation dieses Buches in der Volksrepublik entgegenstand, waren ihrer Ansicht nach „gewiss nicht nur die drastischen Schilderungen der sexuellen Betätigungen der Amtsperson Ding Gou´er mit einer durchtriebenen Lastwagenfahrerin. Der Tabubruch besteht auch nicht im Überfluss aller nur denkbaren Körperflüssigkeiten. Vielmehr dürften die zuständigen Instanzen in der Zeit der Niederschrift des Romans, der Phase nach dem Tiananmen-Massaker, schwerwiegendere Bedenken gehabt haben wegen der Infragestellung ihrer Autorität durch die politische Desillusionierung, aus der Mo Yans Zynismus herrührt. (...) Der Nachgeborene hat, um etliche Hoffnungen des vorrevolutionären Älteren beraubt, in seiner Parabel mit aller ihm zu Gebote stehenden Wortmacht den Albträumen nach dem Massaker vom 4. Juni Ausdruck verliehen und eine Paraphrase geschaffen auf das bittere Wort von der Revolution, die ihre Kinder frisst.“ (17. April 2003)




