D’Gary

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Ernest Randrianasolo
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May 22, 2003
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Das Lied eines Kuhhirten

Der 1961 in Antananarivo (Madagaskar) geborene D’Gary besaß gar keine eigene Gitarre, bis er nach Aufnahmen mit den amerikanischen Gitarristen Kaiser und Lindley 1991 als einer der besten madagassischen Gitarristen entdeckt wurde. Er stimmt seine Gitarre in (bisher) elf verschiedenen offenen Akkorden, um traditionelle madagassische Instrumente wie die Lokanga, Marovany und Valiha in Gitarrenmusik umzusetzen.
Der 1961 in Antananarivo (Madagaskar) geborene D’Gary (Ernest Randrianasolo) ist der Sohn eines Gendarmen, der zu den Bara gehörte, einem Viehhirtenstamm in der Halbwüste Horombé im südlichen Hochland von Madagaskar. 1969 wurde der Vater nach Tuléar, eine Hafenstadt im Südwesten der Insel, versetzt und kehrte erst zurück, als er 1978 pensioniert wurde. In Betroka, der Hauptstadt der Bara-Region, lernte der 17-jährige D’Gary die Not kennen, in die die Bara durch verödende Böden und organisierten Viehdiebstahl geraten waren. Das, so erklärt er, sei die wahre Inspiration für seine Art, Gitarre zu spielen. „Man muss wirklich die Erfahrung eines Volkes haben, das permanent von Malaso (Viehdieben) angegriffen wird, um so zu spielen wie ich.“ (in: GITARA GASY, fROOTS, Ian Anderson)

Was man allerdings auch haben muss, ist Talent. Dem Ausnahmetalent, das D’Gary auszeichnet, ist es gelungen, die Musik der Bara mit der Musik anderer madagassischer Stämme zu einem ganz eigenen Sound zu verschmelzen und dabei die Klänge madagassischer Instrumente wie der Lokanga (die südmadagassische Fiedel), der Marovany (Kastenzither) und der Valiha (Bambuszither) auf der Gitarre umzusetzen. Dabei profitierte er davon, dass sein Vater als Gendarm außerhalb seines Stammesgebietes eingesetzt war. So lernte er in seiner Jugend „Pecto“ spielen, die Tanzmusik, die in Tuléar damals en vogue war. Außerdem gab es in der Kaserne seines Vaters gab auch ein Musikcorps, in dem D’Garys Bruder Bass spielte. Wenn diese Gruppe zu spielen aufgehört hatte, nahm sich der 13-jährige D’Gary ihre Gitarre und spielte darauf. Später lernte er die Tsapika kennen, eine Tanzmusik, die südafrikanische Einflüsse mit verschiedenen Rhythmen aus der Masikoro-Region und des Vezo-Stammes verbindet und die auf Akkordeon gespielt wird.

„Alle Tsapika-Spieler stimmen die Gitarre um. Sie verändern die E-Seite. Das ist alles. Meine Umstimmung ist sehr komplex. Aber bei Festivals, da gäbe es so viel umzustimmen, da benutze ich nur zwei offene Stimmarten. Ich habe insgesamt 23, aber ich habe sie bisher geheimgehalten \... Obwohl ich lange in Tuléar gelebt habe, ist meine Quelle nicht Tsapika, weil das sehr mit afrikanischer Musik vermischt ist. Meine Quelle kommt von der Lokanga der Bara und von der Avoria. Manchmal kombiniere ich die Art und Weise, wie wir a capella zu der Lokanga singen. Am wichtigsten sind für mich Improvisation und Tempo. Ich habe das lange studiert. Weil ich dachte, dass die Tradition der Bara ausstirbt – denn es verschwinden so viele Dinge – habe ich versucht, die Lokanga oder die Jejy Lava (ähnlich dem brasilianischen Berimbao) oder den Mpamalia (Valiha, Gitarre und Stimme zusammen!) auf die Gitarre umzusetzen.“ (ibid.)

Einer seiner schönsten Songs „Mpiarak’ Aomby“/”Der Viehhirte“ (Dama & D’Gary, 1992; D’Gary and Jihé, „Horombé“, 1994) handelt von einem Hirten, der sich nach langer Zeit mit seinen Tieren auf der Weide darauf freut, wieder sicher bei seinen Eltern und seiner Familie zu sein. Man hört die Einsamkeit und Melancholie des Hirten und seine Melancholie aus dem rauen Gesang D’Garys heraus, und sein virtuoses Spiel mit der auf einen offenen Akkord gestimmten Gitarre lässt einen das Plätschern der Wasserquelle hören. Der heute in London lebende Gitarrist Hugues Randriamahitasoa kennt D’Gary aus seiner Zeit 1978 in Betroka. Er erinnert sich: „Wir gingen damals einfach nach draußen und verbrachten den ganzen Tag damit, verschiedene offene Akkorde zu finden. Es war nicht nur der Klang der Marovany (der madagassischen Kastenzither), es war der Klang der Vögel oder was immer es da gab.“ (ibid.)

D’Garys Vater starb einen Monat, nachdem die Familie wieder nach Betroka gezogen war. „Es gab die große traditionelle Beerdigungszeremonie der Bara, die Avoria genannt wird. Es geht dabei darum, alle von nah und fern zusammen zu rufen, um zu weinen und zu singen. Es ist sehr musikalisch. Eine Frau sang, aber es war gleichzeitig auch ein Weinen. Das heißt „Tany Faty“ (Totenklage). Es war dies das erste Mal, dass ich das traditionelle Leben meiner Vorfahren kennen lernte. Ich erwachte plötzlich mit all diesen neuen Musikstilen, als ich damals 16 war.“

Gleichzeitig mit seinem musikalischen Erwachen wurde D’Gary auch die Lage der Bara bewusst. „Die Themen meiner Songs haben sich seit Beginn nie verändert,“ erzählt er anlässlich seines vorletzten Albums „Mbo Loza“ (1997). „Unsere Kühe werden gestohlen. Die Räuber werden nach zwei Tagen wieder freigelassen. In Betroka ist die ganze Polizei korrupt. Auch die Leute, denen Kühe gestohlen wurden, müssen ihr Geld für Korruption ausgeben. Wenn Frieden herrscht in Betroka, ärgern sich die Gendarmen, weil sie wollen, dass die Leute gegeneinander kämpfen, damit sie Geld verdienen! Sie versenden anonyme Briefe, die die Leute gegeneinander aufhetzen. Jetzt haben die Leute beschlossen, das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen, und erschießen die Räuber einfach. Schrotflinten sind ein riesiges Geschäft geworden, weil die Leute jetzt aufeinander schießen \... Es gibt keinen Bara-Politiker in Betroka, der für seine Region einstehen könnte. Daher singe ich über die Situation. Ich habe keine Angst um mein Leben.“ (ibid.) D’Garys Album „Mbo Loza“ (1997) handelt von solchen wahren Geschichten und soll dazu beitragen, dass ein Bara-Politiker einen Sitz in der Betroka-Regierung bekommt. D’Gary hofft, dass für seine Familie ein gewisser Schutz dadurch besteht, dass seine Musik aus dem Ausland nach Madagaskar kommt.

Dass er einmal mit seinem Gitarrenspiel so weit kommen würde, konnte D’Gary nicht erwarten. In Madagaskar gab und gibt es bis auf einige Ausnahmen in den Städten keine Profi-Musiker. Alle machen Musik. Auch D’Gary kommt aus einer Familie, wo die meisten sangen, Flöte spielten oder Perkussionisten waren. In Betroka war er wegen seines Gitarrenspiels sehr berühmt. 1979 bekommt eine Gruppe aus Betroka ein Angebot von Discomad, der wichtigsten Plattenfirma Madagaskars (heute Mars), D’Gary geht mit, weil er sowieso die Rente seiner in Antananarivo abholen muss, und wird Begleitmusiker bei Konzerten von „Feon‘ala“. Wenn er etwas Geld zusammen hat, schickt er es nach Hause. In dieser Zeit beginnt er mit verschiedenen Stimmweisen der Gitarre zu experimentieren. Ein eigenes Instrument hat er immer noch nicht. So lebt er jahrelang von gelegentlichen Engagements für Konzerte.

Jahre später, 1986/87, erhält D’Gary von dem madagassischen Studiobesitzer Dida die Gelegenheit, in dessen Studio zu üben. „Er lieh mir seine Takamine-Gitarre, gab mir zu essen, ein Dach über den Kopf, kümmerte sich um meine Gesundheit und ließ sogar meinen Bruder ab und zu kommen. Dida war mein Retter. Er entschied, ich sollte aufhören, als Begleitmusiker zu arbeiten und statt dessen jeden Tag in seinem Studio meinen eigenen Stil entwickeln.“ (ibid.)

Zur ersten Plattenaufnahme kam es, als der Radioproduzent Tsilavina (der später einmal Kulturminister werden sollte) eine Ausstellung über AIDS in Tamatave machte. Zu diesem Anlass machten D’Gary, die Sänger Ricky und Vahombe zwei Songs für Discomad. Der Chef von Discomad war so überrascht, dass er D’Gary gleich eine ganze Kassette produzieren ließ, die unter dem Titel „Alatsao Balansy“ herauskam. Fünf Tracks wurden später 1992 in Frankreich für die Buda CD „Musiques de Madagascar“ unter dem Pseudonym Garry übernommen.

In dieser Zeit trifft D’Gary eher zufällig, aber vielleicht doch zwangsläufig, den madagassischen Superstar Dama, der gerade für die amerikanischen Gitarristen Henry Kaiser und David Lindley madagassische Musiker zusammenstellt. Damas Bruder ist nämlich befreundet mit D’Garys Bruder, und beide sind als Soldaten an der Ostküste stationiert. Als D’Gary dort einmal zu Besuch kommt und natürlich die erstbeste Gitarre in die Hand nimmt, ist Damas Bruder so beeindruckt, dass er ihm empfiehlt, doch einmal Dama selbst zu kontaktieren. Dies passiert just im (von der Nordkugel aus gesehen) Herbst 1991, als Lindley und Kaiser gerade ihre Aufnahmen beginnen. Dama kennt D’Gary gar nicht, gibt ihm aber eine Chance zu spielen. Kaiser und Lindley nehmen einen Track von ihm in die mittlerweile legendäre Kollektion madagassischer Musik „A World Out of Time“ (1992) auf, vor allem aber bringt Kaiser mit D’Gary ein ganzes Album auf den internationalen Markt: „D´GARY: Malagasy Guitar Music From Madagascar“ (1993). Henry Kaiser schickt dem Gitarrenkollegen gleich nach seiner Rückkehr in die USA eine Gitarre nach Madagaskar, die erste eigene Gitarre für den Ausnahmegitarristen.

Es folgen begeistert umjubelte Auftritte in den USA und Europa. 1993 spielt D’Gary, genauso wie seine Landsleute Dama und Rossy mit seiner Band, auf dem „Festival Internationale“ in Lafayette, Lousianna. Dama, D’Gary und zwei Musiker von Rossy gehen für einige Tage ins Studio und nehmen zusammen mit Cajun-Musikern das Album „A Long Way Home“ auf, das 1994 erscheint. 1994 ist D’Gary Mitglied der „Malagasy Allstars“, die im Oktober auch im Haus der Kulturen der Welt in Berlin auftreten.

Auf den internationalen Festivals lernt das Publikum den „einsamen“ Gitarristen kennen, der, sei es akustisch oder elektrisch, mit atemberaubend schnellen und technisch perfekten und doch vor allem melodiösen Improvisationen das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Auf der CD „Horombé“ (1994) kann man den subtilen Arrangeur bewundern. Mit der Folk- und Tanzgruppe Jihé produziert der Gitarrist, den man gerne im Konzertsaal-Sitz hörte, plötzlich Musik, zu der man – nicht nur in Madagaskar – gerne tanzt.

Auch auf D’Garys neuester, im Herbst 2001 erschienenen CD „Akata Meso“ findet der Fan wieder die gewohnte technische Perfektion, die so typischen madagassischen 6/8-Rhythmen, perlende Arpeggios, die den Zuhörer wie eine sanfte Brise umwehen. Doch D’Gary ist nicht stehengeblieben. Er hat sich den indischen Tabla-Spieler Nantha Kumar geholt und spielt mit ihm Tsapika!


Veranstaltungen im HKW:
28. und 29. Oktober 1994
Madagaskar
Musik des vergessenen Kontinents
D’Gary
Veranstalter: Haus der Kulturen der Welt in Zusammenarbeit mit dem Cercle Germano-Malagasy

Bio

D’Gary, mit vollem Namen Ernest Randrianasolo, wurde 1961 in der madagassischen Hauptstadt Antananarivo geboren. Seine Familie gehört zu den Bara, einem Hirtenvolk im Hochland „Horombé“ im Süden der Insel. 1969 wird sein Vater als Gendarm nach Tuléar, eine Hafenstadt im Südwesten, versetzt und kehrt erst kurz vor seinem Tod 1978 nach Betroka, die Hauptstadt der Bara-Region zurück. D’Gary bleibt noch ein weiteres Jahr, bis es ihn 1979 in die Hauptstadt Antananarivo zieht. Die nächsten Jahre schlägt er sich als Begleitmusiker durch.

1986/87 nimmt ihn der madagassische Studiobesitzer Dida in seine Obhut und ermöglicht ihm, in seinem kleinen Studio zu proben und seinen Stil zu entwickeln. Anlässlich eines AIDS-Projektes kommt es zur ersten Kassettenaufnahme „Alatsao Balansy“ bei der madagassischen Plattenfirma Discomad (heute Mars). Im Herbst 1991 nimmt D’Gary an den Aufnahmen zu der CD-Reihe „A World Out of Time“ der amerikanischen Gitarristen Henry Kaiser und David Lindley teil. Die sind so begeistert von ihm, dass sie 1993 gleich ein ganzes Album mit ihm produzieren „D’GARY: Malagasy Guitar. Music From Madagascar“. Vor allem erhält D’Gary jetzt seine erste eigenen Gitarre.

Nun beginnt seine internationale Karriere. Nach einem Auftritt beim „Festival Internationale“ in Lafayette, Lousianna, nimmt er 1994 zusammen mit dem madagassischen Star Dama, zwei Musikern der (ebenfalls madagassischen) Gruppe „Rossy“ und einigen Cajun-Musikern in nur wenigen Tagen „The Long Way Home“ auf. In den nächsten Jahren folgen immer wieder Tourneen in Europa und den USA. Seitdem hat D’Gary drei weitere Alben „Horombé“ (1994), Mbo Loza“ (1997) und „Akata Meso“ (2001) herausgebracht. Wenn er nicht unterwegs ist, lebt der Gitarrist in Betroka.

Works

D´GARY: Akata Meso

Published Audio,
2001
(Indigo/Label Bleu) Frankreich, 2001

D´GARY: Mbo Loza

Published Audio,
1997
(Indigo Label Bleu LBLC 2535) France 1997

D’GARY & JIHE: Horombé

Published Audio,
1995
(Indigo LBLC 2515) France 1994 (Stern´s STCD 9005) USA 1995

DAMA & D´GARY: The Long Way Home

Published Audio,
1994
(Shanachie 64052) USA 1994

D’GARY: Malagasy Guitar. Music From Madagascar

Published Audio,
1993
(Shanachie SH 65009) USA 1993

GARRY - Rythme du Sud

Published Audio,
1992
Kassette, 1992

Mars

Published Audio,
1992
(Tananarive) MA 90015K

Buda CD Musiques De Madagascar

Published Audio,
1992
5 Tracks als Garry, 1992