Freshlyground

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June 11, 2010
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 Freshlyground
Freshlyground. © Freeground Records, Freshlyground and Griot GmbH

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Musik wie ein Regenbogen

Mit ihrer multiethnischen Besetzung sind sie die weltweiten Botschafter der Regenbogen-Nation Südafrika. Um die quirlige Frontsängerin Zolani Mahola mit Girlie-Charisma gruppieren sich sechs schwarze, farbige und weiße Musiker, die seit ihrer Gründung im Jahre 2002 rasant zu den Lieblingen der heimischen Radiostationen wurden. Mehr noch: Mit ihren europäischen Festival-Auftritten haben Freshlyground die Stereotypen von Südafrikas Musik auch in Übersee kräftig korrigiert. Ein sonniger Popsound bestimmt ihre Lieder, in denen Folklore vom Kap auf Reggae-Grooves und keltisch anmutende, ausgelassene Melodien trifft und in ihrem politisch eingefärbten Gute-Laune-Pop einen sie Traditionen aus dem ganzen Süden des Kontinents. An der Seite Shakiras sind sie zudem die Idealbesetzung für den offiziellen WM-Song „Waka Waka“, zu dem sie jedoch eher zufällig kamen.
Man könnte es für ein Konzept halten, dass Musiker verschiedenster Couleur gemeinsam eine Band formen, um gegen den noch immer präsenten Rassismus in Südafrika anzusingen. Doch das war keineswegs so, wie Drummer Peter Cohen erzählt: „Ein Konzept beinhaltet Theorie und Strategie, wir haben uns aber ganz natürlich und organisch gefunden. Es wurden nicht bewusst weiße und schwarze Musiker gecastet, um sie miteinander auf die Bühne zu stellen. Südafrika hat elf Nationalsprachen, doch wir bedienen uns wirklich nur der Idiome, die wir auch sprechen, also Xhosa, die Sprache unserer Leadsängerin Zolani aus der Eastern Cape-Provinz und Englisch. Und auch die Einflüsse picken wir nicht der Vielfalt wegen raus, sie müssen vielmehr einen persönlichen Bezug haben.“

Freshlygrounds Keimzelle liegt in der Universität von Kapstadt. Eine junge Frau aus der Eastern Cape Province studiert dort an der Schauspielschule, sie heißt Zolani Mahola. Ihr Kommilitone Aron Turest-Swartz aus Karoo spielt Keyboard, er experimentiert mit seinem Freund Simon Attwell, der simbabwische Roots hat, Flöte und Saxophon beherrscht, vor allem aber das Daumenklavier Mibira mit seinem charakteristischen Klang. Eher zufällig gehen die drei zusammen auf die Bühne und improvisieren. Weitere Gruppenmitglieder stoßen dazu, wie etwa die quirlige Johannesburgerin Kyla-Rose Smith, die Jazz studiert hat und die Geige in den Sound einbringt. Der Gitarrist Julio Sigauque flicht mit seiner moçambikanischen Herkunft eine lusophone Farbe ein, die Kapstädter Rhythmusmänner Josh Hawks und Peter Cohen haben mit Johnny Clegg und Mango Groove Erfahrungen aus erster Hand bei südafrikanischen Popbands der Spitzenklasse gesammelt.

Binnen drei Jahren wird die Band mit dem sonnigen Sound zum Liebling in der Heimat, ihr Stück „Doo Be Doo“ 2005 zum Hit in allen Radiostationen des Landes. Stolz sagt Kyla-Rose Smith: “Wir sind keine Pioniere, es gab ja vor uns schon gemischte Bands in Südafrika. Doch uns haut immer wieder um, wie viele verschiedene Leute wir unter unseren Fans versammeln, alle Altersgruppen, alle Hautfarben, alle sozialen Schichten. Und das ist wirklich selten in unserer Heimat.“ Das Erfolgsrezept sieht auf der Bühne dann etwa so aus: Mahola agiert als Energiebündel mit kehlig-impulsiver Stimme und singt freche Texte über enttäuschte Liebe und enttäuschende Mannsbilder, Flöte, Geige und Gitarre umranken sie. Und wenn der Jive aus dem Township zum Zuge kommt, bricht die Band auch mal einen mitreißenden Zulu-Tanz vom Zaun.

Auch international geht es spätestens mit dem dritten Album „Ma’Cheri“ richtig aufwärts: Freshlyground bereichern die europäischen Festivals, treten im Vorprogramm von Hugh Masekela und anderen Stars auf. Bei der WM 2006 verströmen sie bereits Vorfreude auf das Turnier von 2010 mit ihrer Heimat als Gastland. Das ist nun in vollem Gange, mit Freshlyground als Mitwirkenden bei der offiziellen Hymne der FIFA. Auch hier steuerte wieder Freund Zufall die Geschicke. Peter Cohen erinnert sich: „Wir haben im letzten Februar in New York unser neues Album gemixt. Ein Typ namens John Hill arbeitete gerade im gleichen Gebäude an diesem Shakira-Song und kam zwischendurch rein, um unseren Produzenten Fab zu besuchen. Er sagte zu ihm: ‚Hör mal, ich brauche ein bisschen südafrikanischen Input.’ Hill hat uns den Song vorgespielt, und wir haben für ein paar Passagen unsere Ideen beigesteuert. Er war begeistert, wir flogen zurück nach Südafrika und hörten nichts mehr, und das für Monate. Endlich teilte man uns mit, dass es einige Parts unseres Beitrags in den Song geschafft haben.“

Die Kombination einer Kolumbianerin zusammen mit einer südafrikanischen Band halten Freshlyground für äußerst gelungen. Schließlich findet die nächste WM in Südamerika statt, also ist das schon mal ein prima Link in die Zukunft. Außerdem geht der Refrain von „Waka Waka“ auf einen kamerunischen Hit der Achtziger zurück, von einer Band namens Golden Sounds. „Das ergibt also eine Art Triumvirat“, sagt Smith. „Eine südafrikanische Band, die mit einer kolumbianischen Künstlerin kollaboriert und beide greifen einen kamerunischen Song auf. Ich finde das großartig, denn es spiegelt die Globalisierung wider und zugleich auch, dass dies die erste afrikanische WM überhaupt ist und wir den ganzen Kontinent mit einbeziehen sollten, wenn wir den Event feiern.“

Den ganzen Kontinent miteinbeziehen – das ist auch der Tenor auf ihrem neuen, vierten Opus „Radio Africa“. Das Radio ist auf dem schwarzen Kontinent immer noch eine wichtige und reiche Quelle, um alle möglichen Arten von Musik und Infos zu bekommen, auch jenseits der visuellen Dominanz. „Es ist also eine nette Vorstellung, dass unser Album durch die Radiostationen in ganz Afrika transportiert wird und wir den Kontinent auf diese Weise umarmen können“, meint Kyla-Rose Smith. „Und mehr noch als auf den früheren Alben haben wir traditionelle afrikanische Instrumente eingebunden, das Daumenklavier Mbira, die Marimba. Da wir Mitglieder in unseren Reihen haben, die auch aus Moçambique und Simbabwe kommen, kann man sagen, wir repräsentieren durch den Sound und unsere Besetzung den ganzen Süden“, ergänzt der neue Keyboarder Shaggy Scheepers.

Vielfältige Themen werden in die oft tanzbaren Stücke gepackt, etwa die desolate Situation der 40 Prozent Arbeitslosen Südafrikas, die Habgier, die in der Post-Apartheid-Gesellschaft um sich greift. Und mit dem ausgelassenen „Chicken To Change“ legt die Band Diktator Mugabe aus dem Nachbarland den längst überfälligen Rücktritt nahe. „Ich denke nicht, dass wir in nächster Zeit nach Simbabwe eingeladen werden“, meint Cohen. „Aber wer weiß, vielleicht tanzt er ja jetzt gerade zu unserem Lied.“

Auch wenn Freshlyground für die FIFA singen, nehmen sie in punkto Kritik an deren Geschäftspraktiken kein Blatt vor den Mund: „Eine Menge schnelles Geld verlässt das Land, wir werden wirtschaftlich kein bisschen von der WM profitieren“, so Cohens Einschätzung. „Doch Südafrika hat einen Deal mit der FIFA gemacht, und die Bestandteile des Vertrags waren lange bevor alles begann klar. Ich will damit nichts entschuldigen, aber das sind ja keine Kinder, die nicht wissen, auf was sie sich da eingelassen haben. Hoffentlich wird unser Land nach der WM stärker sein, ich habe allerdings meine Zweifel. Wir werden über einige schöne neue Einrichtungen verfügen, aber ich fürchte, es gibt eine Menge Horrorgeschichten, die alle erst im Laufe der Zeit ans Tageslicht kommen werden. Fürs Nation Building am wichtigsten ist, dass unsere Mannschaft im Turnier weit kommt.“ Auch wenn jeder in der Presse die Bafana Bafana-Boys kritisiert: Freshlyground stehen zu ihrer Equipe, räumen ihr sogar Chancen aufs Halbfinale ein, sofern das Eröffnungsspiel gut läuft und die Jungs die Vuvuzela-Trompeten hinter sich scharen können.

Natürlich haben sie auch Wünsche für ihr Land ganz abseits vom Fußball: „Ich hoffe auf ein Land ohne Gewalt, ohne Vorurteile, auf eine Gemeinschaft, die gebildet ist und nicht von Armut gebeutelt. Das sind die dringlichsten Probleme: Bildung und Bekämpfung der Armut. Und natürlich ist das HIV-Thema von heute auf morgen nicht in den Griff zu bekommen“, sagt Cohen, und Kyla-Rose Smith sieht das ähnlich: „Wir brauchen eine Revolution in den Köpfen, die Einstellung der Leute muss sich ändern. Viele schleppen noch die Altlasten der Apartheid mit sich herum, die historischen Wunden. Wir müssen auch mit unserer Verstandeskraft darüber hinweg kommen.“
Author: Stefan Franzen

Works

Radio Africa

Published Audio,
2010

Waka Waka (This Time for Africa)

Production / Performance,
2010
Shakira featuring Freshlyground

Ma´ Cheri

Published Audio,
2007

Nomvula

Published Audio,
2004

Jika Jika

Published Audio,
2003

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Cup of Cultures

Public Viewing, Pop and Poetry

(11 June 10 - 11 June 11)