Nuruddin Farah

Article Bio Works
country/territory:
created on:
October 12, 2009
last changed on:
Please note: This page has not been updated since February 23, 2010. We decided to keep it online because we think the information is still valuable.
information provided by:
Other languages:
Nuruddin Farah
Nuruddin Farah (c) B. Friedrich

Article

Die Stimme Somalias

Nuruddin Farah versteht sich als die Stimme Somalias. Gerade ist „Netze“ auf Deutsch erschienen, der zweite Band seiner jüngsten Trilogie. Farah sitzt lax und konzentriert auf einem riesigen Ohrensessel in seinem Berliner Hotelzimmer am Ufer der Spree. „Somalier“, sagt er, „erkennen einander sofort. Sie erkennen sich körperlich.“ „Somaliness“ nennt er die gemeinsame Sprache und Kultur und dieses fast inzestuöse Gefühl der Zusammengehörigkeit, das den Jahrzehnten des Bürgerkriegs trotzt. „Somalier sind einander so nah. Nah, wie die Zunge und die Zähne einander nah sind. Selbst die streiten miteinander. Es ist ein nie enden wollender Familienstreit. Und wissen Sie, wenn Sie fünf Somalier in einen Raum stecken, haben Sie sechs Meinungen.“ Farah redet eindringlich. Er ist ein Mann mit einer Mission. Der aussichtsreiche Anwärter auf den Literaturnobelpreis beschwört sein Land, er schreibt es herbei.
Angesichts des in kaleidoskopische Fraktionen zerfallenen Landes also Bilder der Einheit: Somalia ist eine Geliebte im Koma. Somalia ist ein erkranktes Land. Es leidet an einer Art pubertären Verwirrung und ist noch keine reife Nation, so Farah – ein Land inmitten der Rituale des Erwachsenwerdens. „Ein Bürgerkrieg von 18, 20 Jahren ist doch nichts Einzigartiges. Wir haben das durchlebt – am Ende dieser rite de passage sollten wir einander tolerieren können.“

Den aufkeimenden Islamismus im Land sieht er gelassen, eigentlich hält er ihn bereits für überwunden. Er ist Teil des Initiationsritus, den Somalia durchläuft. Einen Prozess, den er in der europäischen Geschichte und ihren Religionskriegen wiederfindet. Schließlich: Franzosen, Italiener und Briten, so Farah, hätten den Somaliern ihre christliche Kultur aufgedrückt: „100 Jahre wurde der Islam, wurde die somalische Kultur verdrängt. Der Tag musste kommen, an dem die Menschen sagten: Wir wollen eine Harmonie zwischen unserer Politik und unserer Religion. In Somalia sagen wir: Ein kranker Mensch, 100 Ärzte. Nun, die somalische Gesellschaft war krank – krank nach dem Säkularismus, krank nach dem italienischen Kolonialismus … also brauchten wir eine Medizin.“

Jetzt haben die Leute genug von den Islamisten, meint er. Genug wie die Menschen im Iran. Den religiösen Fanatikern gehe es nicht um Aufbau, sondern einfach um Macht und Zerstörung. Wie sollen die Islamisten einen Staat errichten, wenn sie keine Struktur haben? Was Somalia brauche sei doch ganz einfach: Strom, Schulen, laufendes Wasser, geöffnete Banken, Versicherungen – alles, einfach alles müsse funktionieren. Und letztlich könnten nur die Somalier selbst ihre Krise bewältigen.

Wie das Leben in dem vom Bürgerkrieg zerrütteten Land aussieht – in einem Land, in dem selbst die einfachsten bürgerlichen Strukturen nicht funktionieren – das hat Farah in den ersten beiden Romanen seiner Trilogie „Links“ und „Netze“ eindrucksvoll beschrieben. Als Folie dienen ihm die historischen Entwicklungen des am Bürgerkrieg erkrankten Landes. Während „Links“ die Situation vor 1996 schildert, in der zwei Warlords Somalia beherrschen, widmet sich „Netze“ dem zerfallenen Land nach 1996. Unzählige Warlords haben Somalia unter sich aufgeteilt. Die Union Islamischer Gerichte taucht auf und beginnt, in den Köpfen zu wirken. Farah legt seine Finger in die Wunden. Besonders Jeebleh, der Protagonist des ersten Bandes, der nach vielen Jahren im Exil zurückkehrt, hat eine klare Sicht auf die Verhältnisse. Durch seine Augen gelingt Farah ein reportagenartiger Blick. Nicht nur auf das seiner Infrastrukturen beraubte Land und die Verwüstung, die es durchzieht. Sondern auch auf die Nutznießer des Krieges und die Maschinerie, die ihn am Laufen hält: „In Links erfährt man, dass das Kämpfen buchstäblich um vier Uhr nachmittags beginnt, wenn die Läden geschlossen sind. Tatsächlich begannen die Kampfeshandlungen um vier Uhr nachmittags, wenn die Läden geschlossen waren. Die Ladenbesitzer schlossen ihre Läden und sagten – ok, jetzt könnt ihr mit euren Kampfgeschäften beginnen. Nun, die Geschäftsleute, die ihre Läden schließen, um diesen Warlords und ihren Milizionären zu ermöglichen, gegeneinander zu kämpfen, sind dieselben, die die Kämpfe bezahlt haben. Wenn Sie an Drogenhandel und dergleichen denken – es ist auch die Wirtschaft.“

Für „Netze“ ist Farah etwas schwerfällig in die Haut einer Frau geschlüpft. Wie der Protagonist des Vorgängerromans Jebleeh kommt die im Wohlstand aufgewachsene Cambara nach vielen Jahren aus dem Exil nach Somalia zurück. Wie er erlebt sie im Ausland einen existentiellen Moment, der sie stählt und mitten in das Bürgerkriegsgeschehen zurückschleudert. Cambaras 10-jähriger Sohn ist im Pool ertrunken, während ihr Mann sich im Liebesspiel mit einer anderen Frau befand. Cambara, sagt Farah, „kehrt vermutlich nach Somalia zurück, um sich abzuhärten – um Rache an ihrem Mann zu nehmen.“ Cambara ist eine starke Frau, fast zu stark. Doch anders als der Jebleehs ist Cambaras Blick verinnerlicht. Die Bilder des Landes treten zurück, Cambara schweift inmitten des Geschehens ab in ein inneres Exil und ihre persönliche Geschichte. In Somalia entpuppt sie sich als Sauberfrau, die Trägheit und Verwahrlosung den Kampf ansagt. Die Häuser putzt, Milizionäre füttert und bekehrt oder Kriegswaisen adoptiert. Wie eine Spinne beginnt sie in dem fremden Land, Seelenverwandte aufzuspüren und feine Kontaktfäden zu knüpfen. Ein Frauennetzwerk hilft ihr schließlich bei ihrem ebenso mutigen wie wahnwitzigen Plan, ihr Familieneigentum, eine Villa, aus den Händen eines kleinen Warlords zu entreißen. Doch damit nicht genug. Mit einem Bühnenstück bringt sie ein Stück Kultur zurück in das Land. Es sind kleine Schritte, die das Land verändern, von einzelnen, unerschrockenen Menschen gegangen.

„Beide, Jebleeh und Cambara“, so Farah, „sind erfolgreich, weil ihnen andere helfen. In Kriegszeiten schaffen Leute Netzwerke und helfen einander. Wenn du niemanden hast, der dir hilft, kannst du nicht einen einzigen Tag überleben. Weil der Bürgerkrieg so funktioniert: Du hast etwas, ich habe etwas. Wir brauchen einander, um uns gegenseitig zu beschützen. Du hast das Essen, ich habe das Öl …Die Frauen helfen ihr, weil sie sehen, dass Cambara am Frieden interessiert ist. Weil Frauen die Waffen aus der Politik heraushalten wollen, während Männer dazu neigen, die Waffen zu preisen.“ Jebleeh dagegen gewöhne sich, so Farah, langsam daran, eine Waffe zu tragen. „Es ist“,sinniert er, „ im Blut des Mannes, Rache zu nehmen. Cambara dagegen ist naiv, denn sie glaubt, ein Schweizer Messer könnte ihr helfen.“ Seine leise Stimme schwingt. Er ist in seinem Element. „Wissen Sie“, „glaubhaft ist der Versuch der Frauen, Frieden herzustellen, nicht immer. Man muss die Möglichkeit der Gewalt einräumen, man muss sich mit einer Waffe verteidigen und den Frieden anstreben.“ Tatsächlich heuert Jebleeh einen Auftragsmörder an, um einen Warlord auszuschalten und Cambara, die Frau, hat eine Gruppe von Milizen hinter sich, die ihr neu zurückerobertes Eigentum schützen.

Es sind die Netzwerke, die die persönlichen Ambitionen der Exilanten im Heimatland gelingen lassen. Leichte Lösungen gibt es nicht. Ganz natürlich nutzen sie die Strukturen, die sie vorfinden. Die Strukturen des Bürgerkriegs. Die Heilung kommt von innen. „Links“ und „Knots“, wie die Romane auf Englisch heißen, verrät Farah, sind Teil des Spiels „Links, Knots und Crosses“.

Farah schreibt bereits an dem neuen Band, dem letzten der Trilogie. Der Mann, den Exilsomalier schon mal als ihren „Gott“ bezeichnen, ist der literarische Schöpfer eines Landes, das ohne ihn ein bisschen weniger existieren würde. Aber der Autor gibt seinem Land vor allem Zeit. Glaubt man ihm, so steckt es in seiner postkolonialen Pubertät. Immer noch.




Aus einem Interview der Autorin mit Nuruddin Farah im Dezember 2009.

Author: Heike Gatzmaga

Bio

Farah wurde1945 in Baidoa, Somalia, als Sohn einer Dichterin und eines Übersetzers in das Erzählen, Übersetzen und Vermitteln zwischen Sprachen, Kulturen, sowie zwischen realen und mythischen Welten hineingeboren. Aufgewachsen und erzogen mit fünf Sprachen, entwickelte das „Wunderkind“ Nuruddin Farah die erstaunliche Begabung, sich eindrucksvoll zwischen all diesen Welten mittels der Kraft der Worte zu bewegen. In Indien studierte er Philosophie, Soziologie und Literaturwissenschaften, zeitgleich schrieb er seinen ersten Roman „From a Crooked Rib“, der ihm mit Erscheinen 1970 internationale Anerkennung und die Ächtung durch die somalische Regierung einbrachte. Während eines Studienaufenthalts in England wurde Farah 1976 durch die somalische Militärdiktatur unter Siyaad Barre in Abwesenheit zum Tode verurteilt und somit zu Jahrzehnten im Exil. Farah sollte 22 Jahre nicht mehr nach Somalia zurückkehren, er lebte und lehrte in verschiedenen Ländern Afrikas, Europas und den USA. Seit 1998 lebt er in Kapstadt, Südafrika.

Von seiner jüngsten, noch unabgeschlossenen Trilogie über das vom Bürgerkrieg zerrissene und von Korruption zerfressene Somalia erschienen bislang die Teile »Links« (2004) und »Knots« (2007). Farahs Romane, Theaterstücke und Hörspiele wurden in zwanzig Sprachen übertragen; in Somalia kursieren sie als Untergrundliteratur. Er wurde weltweit mit zahlreichen Preisen geehrt, darunter mit dem Tucholsky Literaturpreis (1991), dem Premio Cavour (1994), dem internationalen Neustadt-Literaturpreis (1998), dem Lettre Ulysses Award (2003) und dem Sandro-Onofri-Preis für erzählende Reportage (2003). Für sein Gesamtwerk wurde ihm von der African Literature Association der Fonlon-Nichols Award 2000 verliehen. Im Sommersemester 2007 lehrte Farah als Samuel-Fischer-Gastprofessor an der Freien Universität Berlin.

Works

Secrets

Published Written,
1998
Novel. New York: Arcade (From the Trilogy Blood in the Sun)

Gifts

Published Written,
1992
Novel. Harare: Baobab Books (From the Trilogy Blood in the Sun)

Maps

Published Written,
1986
Novel. London: Picador (From the Trilogy Blood in the Sun)

Close Sesame

Published Written,
1983
Novel. London: Allison & Busby (From the Trilogy Variations on the Theme of An African Dictatorship)

Sardines

Published Written,
1981
Novel. London: Allison & Busby (From the Trilogy Variations on the Theme of An African Dictatorship)

Sweet and Sour Milk

Published Written,
1979
London: Allison & Busby (From the Trilogy Variations on the Theme of An African Dictatorship)

A Naked Needle

Published Written,
1976
Novel. London: Heinemann

The Offering

Published Written,
1975
Play. Lotus (Afro-Asian Writings), 30:4, pp. 77-93. University of Essex

From a Crooked Rib

Published Written,
1970
Novel. London: Heinemann

Why Die So Soon?

Published Written,
1965
Novella. Mogadishu