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„Ich bin wie ein Zugvogel“
Während seines Studiums der Malerei eignete sich Kawamata zunächst die Leinwand als Raumteiler an. Er nutzte sie – förmlich gegen ihre Bestimmung – als dreidimensionales Medium. Schließlich entfernte er die textile Schicht der Leinwand, sodass nur der hölzerne Spannrahmen übrig blieb. Holz wurde damit zum Charakteristikum seines Werks. Platzierte er dies zu Beginn noch innerhalb des Galerieraumes, eroberte Kawamata schließlich den Außenraum. Er sprengte die räumlichen Grenzen, indem er seine Installationen durch die Fenster und Türen des White Cube „hinausquellen“ ließ. So erweiterte er auf der Venedig Biennale 1982 mit seiner Holzkonstruktion den Japanischen Pavillon in den Garten der Giardini hinein. Dieses Prinzip der Re- beziehungsweise Dekonstruktion von historischen, architektonischen Strukturen führte er auf der Documenta 8 mit „Destroyed Church“ 1987 und „Toronto Project“ 1989 fort. Auf der Documenta in Kassel etwa widmete er sich der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Garnisonskirche und füllte ihren in Ruinen liegenden Innenbereich mit einem ringförmigen Holzgeflecht aus.
Parallel zu seinen Gebäudedekonstruktionen entwickelte er Projekte, die sich auf die behelfsmäßigen Behausungen von Obdachlosen bezogen. Hier verwendete er gebrauchte Materialien wie Holz und Karton, um mit „Favela in Ottawa“ 1991, „People’s Garden“ 1992 auf der Documenta 9 in Kassel und „Sanatorium“ 1994 in Tokio an die Außenränder der Städte zu ziehen. Seine Auseinandersetzung mit temporären Schutzformen resultiert aus seinen Beobachtungen alltäglicher urbaner Lebensformen und seinem Interesse an Stadtplanungsverfahren.
Einen weiteren Strang seines Werks bilden seine Brückenprojekte: In „Transfer“ 1994 für das Centre de Création Contemporaine in Saché, „Work in progress“ 1996-99 in Alkmaar oder „Mémoire en demeure“ 2004-06 in Saint-Thélo nutzt er die Brücke als sozialen Katalysator, um die Historie zurück in das Bewusstsein der Bewohner und Besucher zu holen. Dabei werden alle seine Projekte nicht nur von ihm als Einzelkünstler maßgeblich geprägt. Auch Kollaborationen und Interaktionen mit Assistenten, Studenten oder zufälligen Passanten gehören zum Kern seiner ortsspezifischen Arbeitsweise: „Meine Praxis der Zusammenarbeit steht irgendwie in einem Bezug zum Toyota-Stil. Sie kümmern sich um den Arbeiter und sehr gut darin, zu organisieren. Sie haben ihre eigenen Methoden des Motivierens entwickelt. Ich denke, das ist auch in meiner Arbeit sehr wichtig: Ich respektiere die Arbeiter nicht nur für den physischen Beistand, sondern auch für ihre eigenen Ideen. Etwas gemeinsam zu machen ist diese Art meiner Denk- und Arbeitsweise.
Dabei sind Kawamatas Ortsrecherchen durch unterschiedliche Phasen geprägt: Durch Spaziergänge im nahe liegenden Areal, mithilfe von Gesprächen mit seinen Assistenten sowie durch literarische oder historische Referenzen erschließt er in seinen Feldforschungen „die Atmosphäre des Ortes“. So war schließlich ein längerer Aufenthalt am P.S.1 Contemporary Art Center in New York City ausschlaggebend für die Entwicklung seiner Baumhütten. Auf den Straßen der Metropole beobachtete er die provisorischen Schutzformen Obdachloser. Doch als er bemerkte, dass seine Nachbauten aus Karton zu fragil waren, hob er sie in die Bäume hinauf. Damit entwickelte er eine doppelte Schutzstrategie. Die nicht-begehbaren Baumhütten installierte er in Bonn (1999), in Trondheim (2007), in New Yorks Madison Square Park (2008) und nun 2009 im Berliner Haus der Kulturen der Welt.
Diese Auswahl an Ausstellungsstationen skizziert nicht nur den internationalen Radius Tadashi Kawamatas, sondern macht das Spannungsfeld zwischen seinem Interesse an Schutz- und Behausungsformen und seiner eigenen mobilen Rastlosigkeit deutlich. Denn von seiner aktuellen Arbeitsbasis Paris aus begibt er sich kontinuierlich auf Reisen: „Ich bin wie ein Zugvogel. Man nennt sie nomadisch, aber ein Nomade ist etwas viel zu Spezielles. Als Zugvogel lebt man irgendwo und zieht jede Saison fort, aber man muss auch wieder zurückkehren.”



