Mieko Shiomi

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Chieko
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December 21, 2007
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Die Kraft des Unspektakulären

Unspektakulär, beiläufig, puristisch, still, ephemer, überaus poetisch und provokant in ihrer großen Einfachheit sind die musikalisch-künstlerischen Arbeiten von Mieko Shiomi. Die Komponistin und Fluxus-Künstlerin lotet in ihren Kompositionen und Objekten die Grenzen von Aktivität und Passivität, Absichtlichkeit und Beiläufigkeit, dem Nichts und dem Etwas aus und findet so zu einer subtilen und hintergründigen Sprache, die alles und nichts zugleich berührt.
Schon früh interessierte sich Shiomi, die in Tokio ein Studium der klassischen Musik absolvierte, für eine Überschreitung von Musik in Richtung Objekt und Aktion. So kam sie mit der Gruppe Ongaku zusammen, der ersten improvisierenden Gruppe für Neue Musik in Tokio. Bei Yoko Ono machte sie dann Bekanntschaft mit den kurzen, unspektakulären und offen angelegten „Fluxus-Events“ von George Brecht. Kurze Zeit später korrespondierte sie – vermittelt durch den „Vater der Videokunst“ Nam June Paik – mit dem selbst ernannten Fluxus-Vorsitzenden George Mačiūnas, der sie spontan nach New York einlud. Noch vor der Abreise entstand ihre erste Fluxus-Edition, die „Endless Box“, eine Reihe weißer Papierschachteln, die nach dem Prinzip russischer Matrjoschka-Puppen ineinander stecken. Diese Schachteln lassen unendlich viel Raum, um sowohl Räume als auch Leere zu erschaffen. Ihre Herstellung wie auch ihr Auspacken fordert eine ebenso einfache wie kontemplative Handlung heraus, wodurch die handgefalteten Objekte zu Aktions-Objekten geraten.

Die der „Endless Box“ zugrunde liegende Idee des Crescendo und Decrescendo spiegelt sich auch in anderen Arbeiten, so in „Disappearing Music for Face“. Auch hier ist der zarte Übergang des Etwas in Nichts spürbar. Bei dieser Arbeit, die sich als Event aufführen lässt und die außerdem als Film und als Daumenkino mit Yoko Ono existiert, geht ein Lächeln sehr langsam, fast unmerklich, in einen neutralen Gesichtsausdruck über. Das wirft Fragen darüber auf, wann etwas gerade noch positiv-freudig und wann es neutral-gleichgültig ist. Im Lächeln ist das Nicht-mehr-Lächeln schon enthalten – und umgekehrt. Dazwischen liegen unendlich viele Nuancen.

Shiomi, die nur ein Jahr in New York lebte (1964-1965), war ihren Künstlerkollegen meist aus der Ferne verbunden. Aus dieser mitunter als misslich empfundenen Lage heraus wurde sie mit ihrer Event-Serie „Spatial Poems“ zu einer Vorläuferin der Netzkunst und trug damit wesentlich zur Bedeutung von Fluxus als einem globalen oder zumindest transkontinentalen Künstlernetzwerk der nördlichen Hemisphäre bei. Mit den „Spatial Poems“ knüpfte Shiomi weltweit zahlreiche Kontakte. Diese Serie von neun Events – häufig missverständlich als Mail-Art-Events bezeichnet – ermöglichten es Mieko Shiomi, weiter im Fluxus-Netzwerk aktiv zu bleiben. Sie lud zu kleinen Aktionen, Events oder Interventionen ein, die im Anschluss dokumentiert und an sie zurückgesandt wurden. So konnten viele Künstler partizipieren, auch die Mittel- und Osteuropas, die sonst von vielen künstlerischen Aktivitäten ausgeschlossen waren. Die Aktionen waren oft minimal, wenn nicht gleich völlig konzeptuell. So lud Shiomi 1966 zum „Falling Event“: Hier waren die Künstler aufgefordert, einen Gegenstand fallen zu lassen und einen Bericht darüber an sie zu senden. Das Spektrum der eingesandten Aktionen reichte vom Fallenlassen einer kleinen roten Blume aus dem New Yorker Fenster der Künstlerin Shigeko Kubota über das Kleinkind, das der tschechische Künstler Ladislav Novak von einem Hügel geworfen haben will, bis zu einem Hecht, den Vytautas Landsbergis in eine Bratpfanne fallen ließ. Shiomi führte ihre „Spatial Poems“ bis 1975 durch. 1976 erschien ein Buch, das sämtliche Beiträge zusammenfasste und auf Weltkarten verzeichnete. Diese Karten – und die „Mappings“, die Shiomi und Mačiūnas zu den ersten vier Events („Word Event“, „Direction Event“, „Falling Event“ und „Shadow Event“) hergestellt hatten, wurden zum eigentlichen Werk.

Shiomi ist neben ihren Fluxus-Aktionen seit Ende der 1970er Jahre wieder vor allem als Komponistin aktiv, die Auseinandersetzung mit Fluxus bleibt aber ein wichtiges Element ihrer Arbeit. So entstehen auch musikalische Kompositionen, welche die Fluxus-Konzepte und Aktionen der 1960er und 1970er wieder aufgreifen. Zum Beispiel komponierte sie 2001 mit „Falling Event = Spatial Poem Version 2001 for narration, contrabass, soprano & piano“. ein Werk, das ihr lange Zeit zuvor entstandenes „Spatial Poem“ reflektiert. Hier wurden die an Shiomi geschickten Beiträge ein weiteres Mal verarbeitet. Es zeigt die Grenzenlosigkeit und die Kraft des Unspektakulären, seine Zeitlosigkeit und sein Potential für die Ewigkeit.
Author: Petra Stegmann

Bio

Die japanische Künstlerin Mieko Shiomi wurde 1938 in Okayama als Kind einer musikalischen Familie geboren und wurde seit ihrer Kindheit in klassischer Musik ausgebildet. Von 1957 bis 1961 studierte sie Musik und Musikwissenschaften an der Universität für Schöne Künste und Musik in Tokio. Dort gründete sie gemeinsam mit Takehisa Kosugi, Shukou Mizuno, Yasunao Tone, Mikio Tojima und Gen’ichi Tsuge die Gruppe Ongaku. 1964 kam sie für ein Jahr nach New York und war bei zahlreichen Fluxus-Events aktiv. Von 1965 bis 1975 führte sie ihre „Spatial Poems" durch, die als Vorläufer der Netzkunst gelten können. 1977 begann sie erneut zu komponieren. Mieko Shiomi lebt in Osaka.

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Europe Now | Europe Next

(01 August 06 - 31 July 07)