Jon Kessler

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September 6, 2007
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Der Geist in der Maschine

Der koreanische Videokünstler Nam June Paik und der für seine beweglichen Skulpturen bekannte Basler Bildhauer Jean Tinguely stehen Pate für Jon Kesslers jüngere Arbeiten. In der kinetischen Skulptur „The Palace at 4 A.M.“ flackern Bildschirme, rotieren Überwachungskameras, perforierte Blechtafeln, Plastikfiguren, Postkarten und Fotos auf improvisiert wirkenden, selbst gebauten Apparaten, die miteinander interagieren und auf einer Vielzahl von Monitoren ein ausdruckstarkes Werk über die Folgen der Ereignisse des 11. September und den US-amerikanischen Krieg gegen den Terror ergeben.
Der Titel „The Palace at 4 A.M.“ bezieht sich auf eine gleichnamige Skulptur Alberto Giacomettis, die wie ein gespenstisches Bühnenbild wirkt. Neben dem Surrealismus des Werks ging es Kessler um den Titel selbst. Denn während er an der Ausstellung von „The Palace at 4 A.M.“ am MoMa-Ableger PS 1 in New York arbeitete, gingen täglich Bilder und Nachrichten vom Irakkrieg ein – Bilder von den Ruinen der Paläste Saddam Husseins, die für Kessler der surrealen Stimmung von Giacomettis Werk ähnelten.

Bekannt wurde der 1957 in Yonkers, N.Y., geborene Kessler mit seinen kinetischen Skulpturen, in denen er ausgewählte Fundstücke der amerikanischen Massenkultur in Bewegung versetzte. Seine Einflüsse bezieht Kessler aus der Kunstgeschichte verschiedener Genres und Zeiten, wie der Modernen Kunst, der Architektur sowie von Fotografie, Film und Theater. Für seine Arbeiten verwendet er eine ganze Reihe von Materialien: Holz, Stahl, Glas, Kunststoff, Plexiglas, Aluminium, Messing. Er bezieht aber auch alltagskulturelle Phänomene wie Einrichtungsgegenstände, Kleidung, ausgestopfte Tiere, Spielzeug und Fernseh-Seifenopern in seine Werke mit ein. „Kessler ist bekannt für seine innovative Verwendung von Materialien“, schrieb ein Kritiker über Kesslers „Hall of Birds“, in dem er überlebensgroße, nach der japanischen Faltkunst Origami hergestellte Papageien ein Atrium bevölkern lässt. „Dadurch schafft er es, den Zuschauer mit einzubeziehen und kontinuierlich zu faszinieren.“

Ausgelöst durch die Ereignisse des 11. September erweiterte Kessler seine mechanischen Bilderwelten um das Medium Video und reagierte damit auf die Bildmaschinerie der Bush-Administration. Inhaltlich folgt er der dadaistischen Motivation, auf die Absurdität von Krieg und Zerstörung künstlerisch zu antworten. „Mit diesen zugleich zutiefst komischen, tödlich ernsten und völlig anarchistischen Bildermaschinen entnimmt Kessler dem Spektakel der Bush-Regierung Schnipsel, die ihm Signalbilder für deren autoritäre Politik, die scheußlichen Kriege und die dumpfe Kultur zu sein scheinen. In seinen Maschinen lässt er sie durchkauen und wieder ausspucken. Der Effekt ist der einer kalkulierten Wut gegen die Maschine des derzeitigen imperialistischen Amerika“, schreibt der Kritiker Hal Foster in einem Aufsatz über „The Palace at 4 A.M.“

Seit der ersten Ausstellung im PS 1 hat The Palace at 4 A.M. einige Modifikationen erfahren. In Berlin gelangt man zu der begehbaren Skulptur durch ein Loch in einem Spiegel, in dem sich grellbunt flackernde Bilder einer Monitorwand reflektieren. Im Inneren steht man dem Labyrinth einer bewusst rohen und unfertig gestalteten kinetischen Skulptur gegenüber, deren Teile sich klackernd um sich selbst drehen. Verschlungene Kabelstränge, Verschraubungen, Mechanik und Technik werden offen gezeigt und fordern den kritischen Blick hinter die manipulierende Kulisse von Bilderzeugung und Bildwiedergabe, von realer und virtueller Welt.

Eine auf einem Malteserkreuz-Mechanismus angebrachte Überwachungskamera filmt eine Postkarte einer Lufthansa-Maschine, schwenkt ruckartig auf ein zitterndes Bild aus dem Inneren eines Flugzeugcockpits, das nach einem abermaligen Ruck von einer Ansicht des Münchener Flughafengebäudes abgelöst wird. Die Bilderfolge auf dem dazugehörigen Monitor erfindet den Start eines Flugzeugs, das über dem Flughafen abzustürzen droht und eine unabsehbare Menge an Menschen in tödliche Gefahr bringt – und eine Flugzeugkatastrophe von ähnlichem Ausmaß wie die des Anschlags am 11. September auslösen könnte.

Auch der Betrachter wird Teil des von Jon Kessler inszenierten medialen Spektakels, denn auch er wird von den Kameras aufgenommen und in den Bilderstrom eingespeist. Er wird eingeblendet in Bilder von flatternden Militärhubschraubern, in Nachrichtenbilder, Kriegsaufnahmen und Werbung, Puppen und Postkarten, Modellbausätzen. Die Überwachungskameras produzieren unentwegt Bilder, die zeitgleich auf diversen Monitoren erscheinen.
Diese Erfahrung macht der Betrachter schon im ersten Raum der Ausstellung. Er taucht als Bild auf im Werk „Swans“, „das auf der gleichnamigen Extremvariante der „Vorher-Nachher-Shows“ beruht, einem US-amerikanischen Fernsehformat, bei dem Frauen für sechs Monate verschwinden und völlig verändert aussehen, wenn sie zurück kommen“, sagt Kessler in einem Interview mit dem Kurator der Ausstellung „New York – States of Mind“ im Haus der Kulturen der Welt, Shaheen Merali. „Ihnen liegt eine ziemlich einfache Prämisse zugrunde, ganz ähnlich der Dada-Strategie der Fotocollage, bei der man Fotografien nimmt und die Gesichter manipuliert. In diesem Fall habe ich sie auf Aluminium aufgeklebt und sie – wie ein plastischer Chirurg – mit einer Stichsäge bearbeitet.“

Auch seine früheren Arbeiten „Heaven’s Gate“ und „Global Village Idiot“ sind Teil oder Vorläufer der Werke der Berliner Ausstellung. So etwa von „The Palace at 4 A.M.“ Kessler legt seinen jüngeren Werken die Theorien von Marshall McLuhan und Paul Virilio zugrunde. Die Medien, die nach McLuhan die Welt zum globalen Dorf machen, machen die Zuschauer mit ihrem endlosen Infotainment nach Kessler zu globalen Dorfdeppen. Die rasende Geschwindigkeit mit der dies nach Paul Virilio geschieht, bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Gesellschaft. In „The Palace at 4 A.M.“ bekommt der Zuschauer einen Eindruck davon.
Author: Harald Olkus

Bio

Geboren 1957 in Yonkers, NY

Works

Gruppenaustellungen (Auswahl)

Exhibition / Installation
2000 Superpredators, CRP Gallery, Brooklyn, New York, USA American Bricolage, Sperone Westwater Gallery, New York, USA Do You Have Time, Liebman Magnin Gallery, New York, USA 2003 "The Commodification of Buddha", Bronx Museum, New York, USA 2004 Future Noir, Gorney, Bravin Lee Gallery, New York, USA Sexy Beasts, Ethan Cohen Fine Arts, New York, USA Yesterday Begins Tomorrow, Deste Foundation Centre for Contemporary Art, Athen, Griechenland Ambush, Van Brunt Gallery, New York, USA Floorplay, The Brooklyn College Art Gallery, Brooklyn, USA Emoticons, Guild and Greyshkul, New York, USA 2005 "Overhead/Underfoot: The Topographical Perspective in Photography", Whitney Museum of Art, New York, USA Dreaming of a More Better Future, Rheinberger Gallery, The Cleveland Institute of Art, Cleveland, USA Light Art from Artificial Light, ZKM, Karlsruhe 2006 Video-Rama, Clifford Gallery, Hamilton, New York, USA The Expanded Eye, Kunsthaus Zürich, Zürich, Schweiz The Golden Hour, Gigantic Art Space, New York, USA Faster! Bigger! Better!, ZKM, Karlsruhe, 2007 New York State of Mind, Haus der Kulturen der Welt, Berlin; Queens Museum of Art, New York, USA Fit to Print, Gagosian Gallery, New York, USA Ensemble, ICA, Philidelphia, USA Art Machines-Machine Art, Schirn Kunsthalle, Frankfurt; Museum Tinguely, Basel Miroir mon beau miroir, Maison Guerlain, Paris, Frankreich Paul Thek in the context of today´s contemporary art, ZKM, Karlsruhe Apocalypse Now, the Theater of War, CA Wattis Institute for Contemporary Arts, San Francisco, USA Fortunate Objects, Ella Fontanals-Cisneros Collection, Miami, USA

Einzelausstellungen (Auswahl)

Exhibition / Installation
1986 Jon Kessler, (Wanderausstellung) Museum of Contemporary Art, Chicago, Cincinnati Art Center, Cincinnati, USA 1987 Jon Kessler, Contemporary Arts Museum, Houston, Texas, USA 1990 Jon Kessler (in Zusammenarbeit mit Robert Longo), Centre d´Art Contemporain d´Ivry, Ivry-sur-Seine, Frankreich 1991 Jon Kessler, Carnegie Museum of Art, Pittsburgh, USA 1992 Jon Kessler, Nanba City Hall, Osaka, Japan Jon Kessler, Spiral Garden, Tokio, Japan 1993 Jon Kessler, Kunstverein, Hamburg 1994 Jon Kessler´s Asia, Kestner-Gesellschaft, Hannover Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum, Graz, Österreich Jon Kessler, Salzburger Kunstverein, Salzburg, Österreich Jon Kessler, Puerto de Santander, Santander, Spanien 1996 Jon Kessler, The Augustus Saint Gardens Memorial, Cornish, New Hampshire, Großbritannien 1997 Jon Kessler, The University of the Arts, Philadelphia, USA 2002 Hermes, Tokio, Japan 2003 Hermes, Tokio, Japan 2004 Hermes, Forum Gallery, Tokio, Japan 2005 Hermes, Tokio, Japan P.S. 1, New York, USA 2006 The Palace at 4 AM, Phoenix Kulturstiftung/Sammlung Falckenberg, Hamburg, Germany 2007 The Drawing Center, New York, USA 2008 Reg Vardy Gallery,University of Sunderland, UK Louisiana Museum of Moderne Kunst, Copenhagen, Denmark

Merits

Foundation for the Performing Arts, 2001
Guggenheim Fellowship, 1996
St. Gaudens Memorial, 1995
National Endowment for the Arts, 1985
National Endowment for the Arts, 1983

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

WASSERMUSIK

Sommer Open-Air-Festival

(10 July 08 - 27 July 08)

New York

Exhibition, Film Programme, Music, Conferences

(23 August 07 - 04 November 07)

Www

Homepage des Künstlers

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Jon Kessler
The Palace at 4 AM
Jon Kessler
The Drunken Boat #2
Jon Kessler
The Drunken Boat #2
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The Drunken Boat #2