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"Poet on the road"
Von Beginn an ist in Eugenijus Ališankas Gedichten das Thema der Mythologie künstlerischer Tätigkeit vorhanden, der Trost ewigen Lebens, der nicht in der Religion, sondern in der Schaffenskraft begründet liegt. Jede Phase menschlichen Lebens ist mit schöpferischer Tätigkeit verbunden. Der Mensch – ein Pilger, für den sich die Welt nur über die Sprache erschließt. In Eugenijus Ališankas zweitem Gedichtband „Peleno miestas“ (Stadt aus Asche) aus dem Jahr 1995 entfaltet sich das Thema der Benennung und der Welterschaffung zum künstlerischen Programm: Die erschaffene Welt ist das „Atlantis“ unserer Vernunft und Einbildungskraft, eine zweidimensionale Welt, in der die Erscheinungen der Wirklichkeit – das Wasser des Ozeans, das Kreischen der Möwen – durch eine poetische „Kartografie“, eine vorgestellte Welt, eine Fiktion ersetzt werden. Es ist diese „Kartografie“ – und nicht mehr die Natur, die Heimat oder ein geografischer Ort –, in der unsere Seele zu Hause ist. Dichtung wird zur Daseinsform. Aus dem durch poetische Eingebung entstehenden Wortfluss erhebt sich, wie Phönix aus der Asche, das Zuhause des Geistes, die mythische Stadt Atlantis. (Audinga Peluritytė)
So wie die Asche in dem Band „Peleno miestas“ (Stadt aus Asche), werden in Ališankas drittem Gedichtband „Dievakaulis“ (Gottes Gebein) aus dem Jahr 1999 die Sinnbilder des Knochens und des Samens zu Zeichen der Welt der künstlerischen Tätigkeit. In diesem Gedichtband irrt der Pilgermensch mit einem Knochenbeutel über der Schulter in der Welt und der Geschichte umher, um die zerstreuten Knochen Gottes wieder einzusammeln, die von den Hunden im Zuge von Mittelalter, Gotik, Renaissance, Klassizismus, im Zuge aller Kriege auf Erden auseinander gerissen und verschleppt worden sind. Die Geschichte des Menschen hat sich zu einem fatalen Kreis des Todes geschlossen. In der von der Apokalypse heimgesuchten Welt kommt die Verantwortung für das Leben nicht mehr Gott zu, sondern Gottes Gebein, dem Dichter. (Audinga Peluritytė)
Nach diesen beiden eher hermetischen Gedichtbänden aus der zweiten Hälfte der neunziger Jahre, die vom spirituellen Existenzialismus des Menschen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert künden, folgte 2001 mit „iš neparašytu istoriju“ (aus ungeschriebenen geschichten) ein ganz entspannter vierter Gedichtband, der vom inneren Loslassen und Ballast-Abwerfen gekennzeichnet ist – wie in dem zentralen Gedicht „braingame“, in dem Ališanka ein Spiel beschreibt, das er auf der Weltausstellung „Expo 2000“ in Hannover ausprobiert hat und bei dem nur gewinnen konnte, wer sich völlig entspannte und losließ: „gewinnen wird immer schwerer ich muß mich entspannen / sitzen wie li bo die beine gekreuzt / nichts denken niemanden töten niemanden lieben / der sieg kommt von selbst langsam rollt die kugel / ins tor des himmels“. Anstatt Gegenbilder zur gesellschaftlichen Wirklichkeit zu entwerfen, lässt Ališanka in „iš neparašytu istoriju“ ganz gelassen alle gerade wie zufällig vorbei fliegenden Wirklichkeitspartikel (Dorothea von Törne) in freien Rhythmen und ohne jegliche Interpunktion in seine Gedichte einfließen, Fetzen des Lebens, die der Dichter mit dem Kameraauge seiner Pupillen eingefangen hat: Bilder von den litauischen Sommern auf dem Lande und aus der Kindheit, die „ein tolles foto von oben“ ergeben könnten, „ein kleines dorfherbarium mit dem reißnagel der schatten / zusammengeheftet immer seltenere arten / und irgendwie mit gott verbunden“, doch solche Aufnahmen gelingen dem Dichter nicht, wie er in „idiotenkamera“ bekennt, er knipst nur „automatisch laienhaft“ mit seinen „grauen pupillen“ oder fügt „comics mixe remixe eines anderen lebens“ zusammen wie in dem Gedicht „krieg der sterne“. Verbindliche Erklärungsmuster gibt es nicht mehr, die Gletscher auf den „kant-hegel-leningipfeln“ sind längst geschmolzen, Ališankas Welt ist eine „nach celan und einstein“. Und auch dem „Großprojekt Geist“ erteilt er eine ironische Abfuhr (Klaus Berthel). In dem Gedicht „identitätskrise“ träumt ein Intellektueller davon, sein notorisches Nachdenken über den Sinn des Seins gegen das einfache Leben eines Truckers einzutauschen: „ein fahrer für fernreisen wäre ich / sonst was essen sonst was denken / wo immer schlafen mit wem auch immer / an mir vorbei die landschaft ich würd mich nicht / beschweren im bach in einer schneewehe die / ölverschmierten hände säubern keine feminismen / patriarchalischer verteidiger der vielweiberei / und sei es nur für eine nacht“. In „iš neparašytu istoriju“ geht es um Perspektivwechsel, darum, „mit dem körper zu denken“, das Element des Dionysischen, Chtonischen, mit dem Eugenijus Ališanka sich immer wieder auch in seinen Essays beschäftigt hat, ins Zentrum zu rücken. Dementsprechend ist der Zyklus „iš traukinio istorijos“ (aus zuggeschichten), deren Anlaß die berühmte Fahrt mit dem „Literaturexpreß 2000“ war, die Eugenijus Ališanka zusammen mit anderen europäischen Autoren von Lissabon über Paris und St. Petersburg bis nach Berlin führte, eine Landkarte der Sinne: Madrid taucht auf, wo Jerez in der Mittagshitze die Einbildungskraft weckt und das lyrische Ich sich in Gedanken in ein Gespräch mit Don Quixote vertieft, die Grande Place in Brüssel mit Horden besoffener Fußballfans oder das Hotel Rossija in Moskau, das Sehnsucht weckt nach wüsten Gelagen. Von hier aus geht es hinaus auf die Bretter der europäischen Kultur und Literatur und hinein in die Schichten der europäischen Geschichte, die mit einem metaphorischen Inventar von der griechisch-römischen Antike bis nach Tschernobyl ausgekleidet ist und auf deren Bühne die Figuren eher wie Statisten im Pulk von den Ereignissen übermannt werden, als dass ihnen die Rolle von Akteuren zukäme. Neben der „großen Geschichte” steht die „petite histoire”, die mit ihren vielen Mosaiksteinchen am Ende auch ein Leben ausmacht: „immer mehr interessieren mich kleinigkeiten / eine durchgewetzte tasche ein weinfleck auf dem kragen / durchlöcherte strümpfe haare in der nase alles hier / ist meine geschichte mein sibirien und amerika / meine reise auf den marsfeldern / durch die cafés von vilnius / über die dächer der dzerzinskij-straße / la petite histoire ein kleines nervenlabyrinth”.
In seinen kulturgeschichtlichen Essays reflektiert Ališanka das Verhältnis des Menschen zu Gott, zur Transzendenz und zum Dasein. Ihre Kernaussage: für den der traditionellen Wertehierarchie und der göttlichen Erfahrung entbehrenden Menschen der gegenwärtigen, postmodernen Welt werden Formen und Werte des Heiligen und des Chtonischen nur in der Kunst sichtbar. Die künstlerische Tätigkeit bleibt für den Menschen die einzige Möglichkeit, ein authentisches Verhältnis zu sich selbst und zur Welt einzugehen – sie übernimmt die Rolle der Weltanschauung, der Philosophie und der Religion. (Audinga Peluritytė)





