Melati Suryodarmo

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September 23, 2005
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Melati Suryodarmo

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Die Buttertänzerin

Die 1969 in Surakarta, Indonesien, geborene Performance-Künstlerin Melati Suryodarmo ist, wie sie sagt, in "einem Kaff" in der Nähe von Braunschweig gelandet. Ihr Zuhause aber ist überall und nirgends. Suryodarmo provoziert ihr Publikum mit ihren Performances durch theatralisch inszeniertem Kitsch, dem Spiel mit billigen Banalitäten und der Darstellung existenzieller Situationen und befragt so Themen wie Identität, Macht, Geschlechterkampf und das Verhältnis des Menschen zum Tier. Eine ihrer eindrücklichsten Performances, in der ein breites Spektrum ihrer künstlerischen Themen auftaucht, ist ihre jüngste Arbeit „Exergie_Set“ (2005), in der sie auf Butter tanzt.
Wer sich mit dem Taxi vom Braunschweiger Hauptbahnhof zum Haus von Melati Suryodarmo chauffieren lässt, der erinnert sich daran, was es mit dem Sprichwort, irgendwohin „verschlagen“ zu sein, auf sich hat. Ein Fotograf auf der Suche nach deutschen Klischees fände hier reichlich Objekte vor. Das dörfliche Neubaugebiet , in dem sich die indonesische Künstlerin Melati Suryodarmo niedergelassen hat, hat alles, was diese Klischees bedient: Klinker an den Häuserwänden, Betonkübel zur Verkehrsberuhigung auf den Straßen, pflegeleichte Friedhofsgewächse in den Gärten. Nur ein Haus im Hintergrund dieser gutbürgerlichen Szenerie sticht heraus: es ist nicht fertig gestellt, ungestrichen, mit einem Bretterverschlag statt einem Treppenaufgang versehen. Hier wächst kein Rasen, sondern wilde Schafgarbe im Vorgarten. Als die verschlafene Künstlerin hineinbittet und einen glucksenden Lachanfall über „dieses Kaff, in dem ich hier gelandet bin“ bekommt, wird sofort klar: Dies hier ist nicht die zweite Heimat von Melati Suryodarmo. In ihrem Leben gibt es keine erste Heimat. Für eine wie sie kann es nur viele Heimaten geben.

Gelassenheit ist das Wort, das einem einfällt, wenn man mit Melati Suryodarmo spricht. Sie plaudert darüber, dass sie aus einer Künstlerfamilie stammt – die Eltern waren Tänzer – und wie sie deshalb begann, „etwas Vernünftiges“ zu studieren, nämlich Politik, und dann 1994 nach Deutschland kam, um eine Zäsur zu setzen. Sie erzählt, dass sie in Braunschweig zunächst einen Kulturschock suchte, „wie ein Penner“ lebte, von Dosensuppen, in einer Erdgeschosswohnung mit Kohleofen, den sie mit Holz vom Sperrmüll beheizte. Und sie berichtet von ihrer zufälligen Begegnung mit der Butoh-Lehrerin Anzu Furukawa , die sie zu ihrem Kurs an der Hochschule für Bildende Künste mitnahm: All das hat etwas Ungezwungenes, hat so gar nichts von inneren Notwendigkeiten oder gar zwanghaftem Sendungsbewusstsein. Es ist genau diese Entspanntheit, die auch die sehr herben und gelegentlich sogar makabren Performances der Melati Suryodarmo ausmacht.

Nach der zweiten Teerunde auf dem beschaulichen Sofa mit Blick auf den verwilderten Garten klickt Melati Suryodarmo auf ihrem I-Mac den Mitschnitt ihrer sechsten Performance an, und die Charakteristika ihres Werkes kommen zunehmend zum Vorschein: In ihren ersten Soloarbeiten ab 1999 bringt sie ihr Publikum durch theatralisch inszeniertem Kitsch, mit einer Liebe zum Spiel mit billigen Banalitäten zunächst zum Lächeln. Im weiteren Verlauf werden viele dieser erst so harmlosen Stücke beklemmend: Es entstehen Bilder existenzieller Situationen, die Identitäts-Verwirrung, Überforderung, Kontrollverlust und Geschlechterkampf darstellen. Privater und gesellschaftlicher Raum vermischen sich hierin und ihre Grenzen erscheinen verrückbar. Das Ende ihrer Performances wirkt abrupt. Anders als ihre letzte Lehrerin, die Performance-Künstlerin Marina Abramovic, geht Suryodarmo nie soweit, ihren Körper zu überfordern oder bis an die Grenzen der Selbstzerstörung zu treiben. Diese hatte sich in ihrer frühen Arbeit 1974 „Rhythm 5“ (1974), bis zur Ohnmacht in einen brennenden Stern gelegt.

Eine von Suryodarmos eindrücklichsten Performances, in der ein breites Spektrum ihrer künstlerischen Themen auftaucht, ist ihre jüngste Arbeit „Exergie_Set“ (2005). Zu Beginn sieht man die Künstlerin in einem knappen, schwarzen Minikleid und roten Pumps, wie sie im Zentrum der Bühne, im Rampenlicht, vorsichtig auf einen großen Block Butter tritt. Langsam und mit ausdruckslosem Gesicht beginnt sie ihren fülligen Körper zu wiegen und sachte auf der Stelle zu treten. Zunächst wirkt das komisch, wird dann aber allmählich unheimlich. Denn je mehr sie trampelt, desto weicher und schmieriger wird die Butter. Immer öfter gleitet Melati Suryodarmo aus, stürzt härter und härter. „Das Ziel ist, oben zu bleiben“, sagt sie. Und kommt dann freimütig auf den biografischen Hintergrund dieser Arbeit zu sprechen: „Immer wieder bin ich in meinem Leben zu Fall gekommen“, sagt sie. „Im Moment bin ich viel unterwegs und schaffe es deshalb nicht, dem Bild der präsenten Ehefrau und Mutter zu entsprechen“, gibt sie zu und deutet dabei auf Fotos ihres Kindes im Regal hinter sich. „Und dann ist da noch die Butter“, erzählt sie weiter. „Als ich nach Deutschland kam, habe ich wegen einer Schilddrüsenunterfunktion innerhalb von sechs Wochen zwölf Kilo zugenommen. Die Butter ist mein Liebling und sie ist meine Feindin.“

Dennoch sind es nicht nur persönliche Erfahrungen, die in Suryodarmos nur vordergründig eindimensionalen, oder„flachen“ Arbeiten, wie sie sie nennt, mitschwingen. Die Hilflosigkeit der Tiere, die als Objekte menschlicher Macht und Warenlager für Fleisch und andere tierische Produkte entwürdigt werden, zieht sich durch zahlreiche ihrer Arbeiten. In einer Performance jagte sie einen riesigen Hahn durch das umstehende Publikum, in einer anderen tanzte sie vor der Projektion eines Hahnenkampfes, den sie in Indonesien gefilmt hatte, mit einem Schwert in der einen und einem Suppenhuhn in der anderen Hand Tai Chi. Währenddessen fallen Münzen aus dem mit Geld gestopften Huhn. In „Lullaby for the ancestors“ aus dem Jahr 2001 führt sie ein Pferd über die Bühne, lässt es stehen, steckt ihren Kopf in eine Waschschüssel voller Wasser, stellt sich in das Rampenlicht und lässt eine Peitsche knallen. Damit spielt sie auf ein traditionelles schamanisches Ritual auf Java an. Seit dem 14. Jahrhundert machen sich dort Schamanen über den damaligen schwachen König lustig, indem sie sein Pferd, das Symbol seiner Macht, aus Bambus nachbilden.

In „The promise“ aus dem Jahr 2002 spielt Melati Suryodarmo mit ihrer kulturellen Herkunft und den Identitäten, derer sie sich nach Belieben bedienen kann. Sie trägt ein elegantes, rotes Abendkleid, eine Haarverlängerung aus elf Metern Echthaar windet sich um ihren Körper – eine indonesische Göttin. Dabei schmiegt sie sich an eine riesige Rinderleber, sechs Kilo schwer, wie sie sagt, streichelt und liebkost sie. Assoziationen blitzen auf: Die Plazenta, die Leber als Filter der Gifte, Zeus, der den Adlern befahl, Prometheus´ Leber zu fressen. Melati Suryodarmo sagt: „‚den Schmerz in sich hineinfressen’ heißt auf Indonesisch wörtlich übersetzt ‚die eigene Leber fressen’. In indonesischen Märchen und Mythen fressen weibliche Dämonen die Leber ihrer männlichen Gegner. Ich wollte, dass das Bild der mütterlichen Schönheit zerstört wird und ins Monströse, Dämonische kippt.“

Wie diese Arbeit sind auch alle anderen Arbeiten Melati Suryodarmos stark sexuell aufgeladen: In jeder trägt sie ein knappes Kleid und hohe Schuhe wie Fetische, die der urbanen Welt der Populärkultur entstammen – einer Welt, die spätestens seit Madonna mit Geschlechterstereotypen spielt und sie so auf den Kopf stellt. Danach befragt, warum sie diese Richtung nimmt, sagt sie: „Meine Arbeiten werden oft als banal empfunden. Das gefällt mir. Es schützt mich davor, als etwas Exotisches wahrgenommen zu werden.“ Aus Angst, in die Ecke des „Andersseins“ gedrängt zu werden, wehrt sie sich dagegen, didaktisch eindeutige Botschaften zu transportieren. Die Gefahr, mit anderen Künstlern aus dem asiatischen Raum in die Schublade politisch engagierter Kunst zu geraten, ist nach wie vor groß. Deshalb hat sie sich auch dagegen entschieden, für die Ausstellung „Räume und Schatten“ im Haus der Kulturen der Welt, ihre erste Performance „Sekundentraum“ aus dem Jahr 1999 zu zeigen. In dieser klaustrophobischen Performance kniet sie anfangs auf dem Boden, faltet einen Berg von Kleidern und legt sie in Reihen ordentlicher Stapel. Als alles sortiert ist, wirft sie es wieder durcheinander und beginnt, sich ein Kleidungsstück nach dem anderen anzuziehen. Das letzte kann sie sich nur unter äußerster Anstrengung im Liegen überstreifen. Am Ende liegt sie wie eine verpuppte Larve am Boden, völlig bewegungsunfähig.

Eine eindringliche Performance– im Kontext einer Schau mit vielen Künstlern aus Indonesien würde Melati Suryodarmo jedoch möglicherweise Gefahr laufen, dass sie als Arbeit über die Suche nach einer Identität gelesen wird. So hat sie sich entschieden, für das Haus der Kulturen der Welt ein zweites Kapitel dieser Performance aufzuschlagen. Für „Sekundentraum 2. The invisible undone behaviour“ kleidet und schminkt sie sich wie eine Puppe, sitzt in einem engen Raum auf einem Tisch und beobachtet mit einem Fernglas das nahe Publikum. So gibt sie den Blick des Westens einfach zurück, vertauscht die Rolle der Beobachteten in die der Voyeurin. Sie spielt mit der Gefahr, ausschließlich über ihre Herkunft definiert zu werden. Denn eines ist sicher: Melati Suryodarmo hat zu viele Heimaten, als dass man sie auf eine davon festnageln könnte.

Aus einem Gespräch mit der Künstlerin im September 2005.

Bio

Melati Suryodarmo, geboren 1969 in Surakarta, Indonesien, wirkte 2003 im Rahmen der Prager Ausstellung „FAXE KONDI – unzipped time” mit. Zudem war sie mit „Recycling the Future” auf der 50. Biennale in Venedig zu sehen. Die Künstlerin lebt und arbeitet heute in Braunschweig.

Ausbildung:
2001- 2002
Postgraduierten Programm (Meisterschule) unter Prof. Marina Abramovic an der
Hochschule für Bildende Künste, Braunschweig
1994- 2001
Studium der darstellenden Kunst und Bildhauerei unter Prof. Anzu Furukawa, Prof. Mara Mattuschka und Prof. Marina Abramovic. Abschluss der Bildenden Kunst an der Hochschule für Bildende Künste, Braunschweig
1993
Abschluss eines Studiums der Internationalen Beziehungen, Fakultät der Politik und Sozialwissenschaften,
Universitas Padjadjaran Bandung, Indonesien

Works

Selected Exhibitions/ Performances

Exhibition / Installation
2006 „Gifted Generation”, Hebbel Theater, HAU1 Berlin 2005 Einzelausstellung, Galeri Cemeti, Jogyakarta, Indonesien (15. Nov.– 8. Dez. ) Video Brazil, Sao Paolo, Brasilien Budva Festival, Budva, Serbien-Montenegro „navigated – art life“, Baltic and Amino, Newcastle, Großbritannien „Gallery of Love“, Galerie Civica Trento, Italien „Gifted Generation“ Hebbel Theater, HAU1 Berlin “Performance Festival Schloß Salzau“, Kiel “Retrospective of the works of Egon Schiele” – „the Shelf“, Van Gogh Museum, Amsterdam, Holland “Der Sekundentraum”, Eröffnung des Kunstmuseum Stuttgart 2004 “Nude with skeleton”, MARTa Herford, Herford “Retrospective” Galerie der HBK Braunschweig, Braunschweig “7a*11d”, International Performance Art Festival, Toronto, Kanada “Leidenschaft Junge Kunst”, Allgemeiner Konsum Verein, Braunschweig “FAXE KONDI- unzipped time”, Galerie Futura, Prague, Tschechoslowakei “Cleaning The House -performance Loop”, NMAC Foundation, Jerez Dela Frontera, Spanien “RISK”, Landesmuseum Braunschweig, Braunschweig 2003 “4th International Performance Festival Odense”, Odense, Dänemark “Live Art brrr”, Teatro Carlos Alberto/Teatro Nacional de São João, Porto, Portugal “Student Body”, Centro Galego de Arte Contemporenea, Galicia, Spanien “Performance in der Kunsthalle”, Fridericianum, Kassel “Performance art NRW 2003”, Healing Theater, Köln “Recycling the future”, group event, Venedig Biennale 2003, Italien “As soon as possible” Performance und Ausstellung, PAC Milan, Italien “Performance Art Nord Rhein Westfalen”, Maschinenhaus, Essen 2002 “Body Power Power Play“, Wüttenbergischer Kunstverein, Stuttgart “The Promise“, Einzelausstellung, Galerie Gedok, Stuttgart “Braunschweiger Kulturnacht“, LOT Theater, Braunschweig “Pret â Perform“, Galerie Via Farini, Milan, Italien “Body Basic“, Trans art 02, Franzenfestung, Brixen, Italien “Common Ground“, Landesvertretungshaus Niedersachsen –Schleswig-Holstein/Berlin 2001 “Festa dell´arte“, Aquario diroma, Rom, Italien “Marking the territory“, Irish Museum of Modern Art, Dublin, Irland “Get That Balance”, National Sculpture Factory, Opera House, Cork, Irland “A little bit of History Repeated“, Kunst Werke, Berlin “Indonesian Live Art“, Galerie Mein Blau, Berlin “Polysonneries, 2nd International Performance Festival“, Lyon, Frankreich “von weiß-rosa zu rot“, Luther Turm, Köln “Lullaby for the ancestors“, Solo-Performance, LOT Theater, Braunschweig “Fingerspitzengefühle“, Gruppenausstellung, Galerie der Stadt Sindelfingen 2000 “Performance Passing Through“, Gedok, Stuttgart “Anableps“, Gruppenausstellung, Galerie Miscetti, Rom, Italien “ins“, Maximillian Forum, München “Visible Differences - an event“, Hebbel Theater, Berlin “Spot + Places“, Performance Kongress, Healing Theater, Köln 1999 “Fresh Air“, Gruppenausstellung, E-Werk, Weimar “Performance Festival Odense“, Odense, Dänemark “Cardiff Art in Time“, UWIC, Cardiff, Wales, Großbritannien “Unfinished Business“, Gruppenausstellung, Galerie am Lützow Platz, Berlin “Der Sekundentraum“, Solo-Performance, Healing Theater, Köln “Braunschweiger Kulturnacht“, LOT Theater, Braunschweig 1998 “Finally“, Gruppenausstellung, Kunstverein Hannover, Hannover 1997 “Braunschweiger Kulturnacht“, FBZ, Braunschweig 1996 Tanz-Performance “Kashya-kashya Muttiku“ with Yuko Negoro (Japan), FBZ, Braunschweig

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Räume und Schatten

Zeitgenössische Kunst aus Südostasien

(30 September 05 - 20 November 05)

Www

Performance Veranstaltung 14.03.2003

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Melati Suryodarmo
Performance von Melati Suryodarmo