Claudia Aravena Abughosh

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May 24, 2004
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"My eyes want to understand“

Die als Tochter einer palästinensischen Mutter und eines chilenischen Vaters 1968 in Santiago de Chile geborene Claudia Aravena Abughosh bewegt sich persönlich wie in ihrer filmischen Arbeit „zwischen den Welten“. Die Themen ihrer experimentellen Videofilme und Videoinstallationen sind die Mechanismen des Erinnerns, Bewahrens und Vergessens von Bildern – subjektiver Bilder, die zu kollektiver Erinnerung werden und kollektiver Bilder, die das subjektiv Erlebte wach halten.
„Warten ist ein Zustand. Warten ist die höchste Form menschlicher Verschwendung: Krankheiten sind oft heilbar, verlorene Zeit ist unwiderruflich verloren. Für Menschen, die in einem anderen Land leben, wird die Existenz in den ersten Wochen, Tagen, Jahren zu einem Warten. Warten auf die kleinen Genehmigungen, auf die großen Perspektiven“. Diese Beobachtung führte Claudia Aravena zu einer Installation, die sie 1999 für das Berliner Podewil erstellte. Sie arrangierte gesichtslose Wartebänke wie in einer Behörde, setzte sich teilweise stundenlang darauf und dokumentierte dieses sinnlose Warten durch Videoaufzeichnungen. Hohle Sätze, die die Rücksichtslosigkeit gegenüber Menschen in einer solchen Situation garnieren sollen – es gibt sie in jeder Sprache und Kultur der Welt – karikieren dieses Ritual der Demütigung: „Eile mit Weile“, „Kommt Zeit, kommt Rat“, „Steter Tropfen höhlt den Stein“ usw. Ein monotoner Tropfschlag in ein Wasserbecken begleitet diese endlos lange Leere.

Aravena setzt sich in ihren Videoarbeiten oft mit der Sprache auseinander. Sie verwendet Texte sowohl in gesprochener wie in geschriebener Form, eingeblendet in die Sequenzen ihrer Filme. Sprachliche Aussagen stehen den Bildern gegenüber, befinden sich häufig auch im Kontrast zu ihnen. Mitunter vermischen sich die kommentierenden Stimmen in ihren Videos, wie wenn eine unbewusste einer bewussten Ebene entgegensteht. Sprache gehört zu einer Region, sie stiftet vermeintlich Identität – oder deutet gerade auf die Brüchigkeit von Identität. Es ist kein Zufall, wenn die in Deutschland entstandene Arbeit “berlin: been there/to be here” mit den Worten „resist – bear – adapt – alloy – forget“ beginnt. Wie in einer Ouvertüre sind hier die zentralen Motive benannt: widerstehen, aushalten, ertragen, übernehmen, vermischen, vergessen. Es geht um die Möglichkeiten, die wir haben, mit den Bildern und dem Erinnern umzugehen. Ähnlich verhalten sich die Motive zueinander: Die Bilder privater Erinnerung stehen denen des öffentlichen Lebens gegenüber. In dem Berlin-Video scheinen dabei die Bilder von Straßenszenen einen beinahe privaten Charakter zu haben. Demonstranten sind Individuen, festgehalten wie auf vergilbten Fotografien, durch Schneetreiben verklärt, subjektiv und sehr persönlich gesehen, ohne den Bezug zu ihrem politischen Anliegen.

Hier liegt ein Schlüssel zu der Arbeit Aravenas. Es geht nicht um die Dokumentation äußerer Sachverhalte, nicht um die Beschreibung äußerer Realität. Aravena interessiert, vor allem in ihren jüngeren Arbeiten, der Bezug solcher Realität zum Inneren des „Sich Erinnernden“. Hier macht das deutsche Wort eine geheimnisvolle Wahrhaftigkeit bewusst. Sich Erinnern heißt nicht, etwas Geschehenes wachzurufen, sondern den inneren Speicher zu aktivieren, der das Ereignis festhält. Dabei entsteht eine komplizierte Verflechtung von innerem und äußerem Bild, von subjektiv festgehaltener und objektiv nachvollziehbarer Wahrheit. Die Durchdringung beider Bereiche mündet in einer Kultur des geschichtlichen Erinnerns oder, mit negativem Vorzeichen, einer „Amnesie des Vergessens“, wie Aravena es nennt. Für sie ist Letzteres die Grundhaltung in Chile, in ihrer Sicht „eine regelrechte soziale Krankheit: Man interessiert sich kaum für das, was war, es zählt nur das Jetzt. Man lebt einfach weiter, die einfachste Form der Überlebensstrategie.“ In Deutschland herrsche die entgegengesetzte Haltung: „Überall stößt man auf die Vergangenheit, auf das Bemühen, nicht zu vergessen, nicht zu verdrängen. Es gibt geradezu eine Kultur des Nicht-Vergessens.“

Wie schwierig und vielschichtig die Überlagerungen von Vergessen und Erinnern, von Bildern als kollektivem Gut und nur begrenzter Wirkkraft sein können, zeigt sich an einer der interessantesten Arbeiten Aravenas. Sie gewinnt dem Thema „11.September“ eine äußerst spannende Facette ab, die man hier zu Lande so nicht erwartet. Der 11. September ist auch das Datum des chilenischen Militärputsches von 1973, der Beginn der Militärdiktatur. Aravena schneidet geschickt die allzu bekannten Bilder der brennenden Hochhäuser in Manhattan gegen die eines brennenden Palastes. Ein öffentliches Bild steht gegen ein anderes – allerdings mit dem Unterschied, dass das eine im Bildergedächtnis der Weltöffentlichkeit liegt, das andere jedoch auf das Gedächtnis hauptsächlich des chilenischen Volkes beschränkt ist. Schon bei der Rezeption durch intellektuelle Fachleute wird diese Differenz spürbar. So beschreibt etwa der Kritiker der Süddeutschen Zeitung Aravenas Film: „In einer eindringlichen Montage schneidet sie Nachrichten-Bilder der brennenden Twin Towers mit einem in Feuer aufgehenden Regierungsgebäude gegeneinander. Der Betrachter kann nur mutmaßen, dass es sich dabei um den Einmarsch von US-Truppen 1989 im von Manuel Noriega regierten Panama handelt.“ Die Chiffre wird missverstanden, die Gültigkeit des Zeichens ist begrenzt. Für Aravena kommt jedoch ein Weiteres hinzu. Die Bilder des brennenden Palastes sind für sie die Wurzeln einer tiefemotionalen Erfahrung, einer sehr subjektiven Identität. Sie sind der Schlüssel zu ihrer Sozialisation als eines in einer Diktatur aufgewachsenen Menschen. Und so bekommen scheinbar verbrauchte Bilder einer globalen Medialität plötzlich einen Bezug, der sie menschlich werden lässt: Indem sie die persönlichsten Gefühlserinnerungen wieder wachrufen.
Author: Stefan Zednik

Bio

Claudia Aravena Abughosh wurde 1968 als Tochter einer Palästinenserin und eines Chilenen in Santiago de Chile geboren. Zwischen 1987 und 1992 studierte sie Graphik-Design und Audiovisuelle Kommunikation an der Universität ARCIS und am ARCOS-Institut in Santiago. In den folgenden Jahren realisierte sie ihre ersten größeren Videoarbeiten, u.a. „Miradas Desviadas“ in Paris. 1993 cokuratierte sie das chilenische Filmfestival von Viña del Mar, 1994 das Festival „Mostra Curta Cinema“. 1995 wurde sie Produzentin der zweiten Videobiennale und Elektronikkunst von Santiago de Chile. Zwei Jahre später cokuratierte sie die „Video Virus Abteilung“ des 13. Rio Cine Festivals in Brasilien. 1999/2000 wurde sie als artist-in-residence für den Bereich Medienkunst ins Berliner Podewil / Zentrum für aktuelle Kunst eingeladen. In Zusammenarbeit mit dem chilenischen Künstler Guillermo Cifuentes entwickelte sie unter dem Titel „Exil“ eine Serie von multimedialen Arbeiten (Video u. Installation). Ihre Filme und Installationen wurden auf zahlreichen Festivals und in Ausstellungen zeitgenössischer Kunst u.a. in Amsterdam, Buenos Aires, São Paulo, Oberhausen, Palermo, Leipzig, Hongkong, Berlin, Madrid und Havanna gezeigt. Seit 1998 lebt und arbeitet Aravena schwerpunktmäßig in Berlin.
Ihr Video 11 de septiembre bekam im Jahre 2002 als deutscher Beitrag den Festivalpreis der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen.
Momentan beschäftigt sie sich mit einer Serie von Videos und Installationen, die unter dem Titel Palesina-Projekt zusammengefasst sind, wobei die Videoinstallation Greetings from Palestina, den Ersten Preis des 20. Kasseler Dokumentarfilm & Videofestes bekam.

Works

Publikationen

Exhibition / Installation,
2004
11 de septiembre, o la transtextualidad de la memoria. In: Imagen, politica y memoria, hrsg. Von Gerardo Yoel, Buenos Aires 2002. Reconocimiento de Lugar. Ausstellungskatalog, Santiago de Chile, August 2002.

Videos, Filme und Installationen

Exhibition / Installation,
2004
The Cold Song Video / 5 min. / 1991 Su Codo, Su Boca Super 8 mm. film / 4 min. / Farbe / 1991 Panamá (mit Grupo A Cuerda) 16 mm. film / 23 min. / Farbe / 1991 Miradas Desviadas Video / 14 min. / Farbe / 1993 Largadistancia 16 mm. film / 10 min. / Farbe / 1994 Estación Terminal Video / 4:30 min. / Farbe / 1995 First Steps, a Bosnia Travel Daily (mit Paula Rodriguez) Video / 16 min. / Farbe / August 1999 That’s Not a Loop, That’s Real Time Videoinstallation und Performance Podewil / Zentrum für aktuelle Kunst, Berlin 1999 berlin: been there/to be here Video / 13min. / s&w -Farbe / Januar 2000 lugar común / common place (mit Guillermo Cifuentes) Video / 24 min. / Farbe / März 2001 3-Kanal-Videoinstallation / Santiago November 2001 11 de Septiembre / September 11th Video / 5:45 min. / Farbe / November 2001 – Januar 2002 beitjala (aus dem Palestina Projekt) 3-Kanal-Videoinstallation / Santiago April 2003 Greetings from Palestina (aus dem Palestina Projekt) 1-Kanal-Videoinstallation / Santiago – Kassel, November 2003 Out of Place (aus dem Palestina Projekt in Progress) Experimentalvideo

Festivals und Ausstellungen

Exhibition / Installation,
2004
1995 VI. Festival Internacional de Cine de Viña del Mar, Chile Festival del Nuevo Cine Latinoamericano de La Habana, Kuba Edinburgh Film Festival, Großbritannien FIV Buenos Aires, Argentinien II. Festival Internacional de Cortometrajes de Santiago, Chile Festival de Cine y Video de Valdivia, Chile 1997 World Wide Video Festival, Niederlande Transmediale: Berlin Video Festival, Deutschland EMAF, Osnabrück, Deutschland Viper 96, Internationales Film-, Video- und Multimediafestival, Schweiz Locarno Video Art Festival, Schweiz IV. Festival Internacional de Cortometrajes de Santiago, Chile 1998 L’immagine leggera, Palermo International Video Art Festival, Italien 41.Internationales Leipziger Festival für Dokumentar-und Animationsfilm, Deutschland IX. International Documentary Film Festival, Lissabon, Portugal 15. Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest, Kassel, Deutschland 1999 Podewil / Zentrum für aktuelle Kunst Berlin, Deutschland Cinéma du Réel, International Documentary Film Festival, Paris, Frankreich Transmediale, Berlin Media Festival, Deutschland 2000 World Wide Video Festival, Niederlande Pusan International Contemporary Art Festival, Südkorea 17. Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest, Kassel, Deutschland Heimat Kunst, Haus der Kulturen der Welt, Berlin, Deutschland Locarno Video Art Festival, Schweiz Museo de Arte Contemporaneo de Santiago, Chile Veni-Vidi-Video, Kunstfaktor Gallery Berlin, Deutschland 2001 Locarno Video Art Festival, Schweiz VideoBrasil, Festival Internacional de Arte Electrônica, Brasilien Bienal de Video y Nuevos medios de Santiago, Museo de Arte Contemporaneo de Santiago, Chile 14es Instants Video Manosque, Frankreich Internationale Kurzfilmtage Oberhausen, (sonder Programm) Deutschland Festival de Cortometrajes de Santiago, Chile Viper 21, Internationales Film-Video-und Multimediafestival, Schweiz Medi@terra, Athen-Lavrion-Sofia-Belgrad-Osnabrück-Frankfurt Videobrasil, São Paulo, Brasilien Graz Architekture-und Kunst Biennale, Österreich Michigan University Gallery, USA Media Forum of the XXIII Moscow International Film Festival, Russland Montreal Festival of New Film, Kanada 14es Instants Video Manosque, Frankreich 2002 Transmediale, Haus der Kulturen der Welt Berlin, Deutschland Medi@latino Kunst, Haus der Kulturen der Welt, Berlin, Deutschland École Supérieure des Arts Décoratifs, Video les Beaux Jours Alsace, Straßburg, Frankreich Internationale Kurzfilmtage Oberhausen, (Internationale Wettbewerb) Deutschland Montreal New Cinema Festival, Kanada. Zebra: Poetry Film Festival, Berlin, Deutschland. MAMBA, Museum for Modern Arts of Buenos Aires, Argentinien. Image, Political Discourse and Memory, Seminar: Universität BuenosAires, Argentinien Cinealternatif, Festival of Festivals Paris, Frankreich Backup Festival New Media in Film, Weimar, Deutschland Kasseler Dokumentarfilm & Videofest, Deutschland Reconocimiento de Lugar, Gabriela Mistral Galerie, Santiago, Chile Sensory Overload, Ford Gallery, Eastern Michigan University, Ypsilanti, USA 2003 Vl. Santiago Biennial of Video and New Media, Chile 20. Kasseler Dokumentarfilm & Videofest, Deutschland Kino Arsenal, Berlin, Deutschland Kulturhaus Babylon Mitte, Berlin, Deutschland Spanische Kulturzentrum, Rosario, Argentinien Aktion im öffentlichen Raum, Santiago de Chile. Palestina Projekt Spark Contemporary Art Space, Recent Video from Chile, Syracuse, USA 10° Intern. Videoart Fest Casablanca, Musée de la Fondation ONA, Marokko Max-Olphüs-Preis, Sonderprogramm LUX. Saarbrücken, Deutschland

Merits

1992
Stipendium des französischen Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten, produziert mit CICV(Centre International de la Creation Video), Montbeliard-Belfort, Frankreich

1993
Jurie Auszeichnung für das Video Miradas Desviadas, 1° Bienal de Video y Artes Electrónicas de Santiago, Chile

Bester Kurzfilm für Panamá, Festival de Cortometrajes de Santiago, Chile

1994
Andes Stipendium für die Teilnahme an dem Workshop: Experimentalvideo und Film, in Bariloche, Argentinien. Produziert von der Rockefeller- McArthur Fundation.

Projektstipendium der Kurzfilmvereinigung Chile

1995
Bester Nationaler Kurzfilm für Largadistancia, Festival de Cine y Video de Valdivia, Chile.

1998
Erster Preis für das Video First Steps, Locarno VideoArt Festival, Schweiz

1999
Künstler-in-Residenz im Podewil, Zentrum für Aktuelle Kunst, Berlin, Deutschland.

Arbeitsstipendium der Käthe Dorsch Stiftung, Berlin, Deutschland.

2000
Arbeitsstipendium der Künstlerinnen-Förderung des Berliner Senats, Deutschland.

Prize of European Council, für das Video berlin: been there/to be here.

Dirac Förderstipendium für Kunst und Kultur des chilenischen Außenministerium, Chile, für das Video lugar comün/common place, Santiago, Chile

2001
FONDART, Nationales Förderstipendium für Kunst und Kultur des chilenischen Bildungsministeriums

Bester experimenteller Kurzfilm, für das Video berlin: been there/to be here, Santiago Short Film Festival, Chile

Jurie Special Mention für das Video common place, Viper21, International Festival for Film Video and New Media, Basel, Switzerland

2002
Festival Preis für das Video 11 de septiembre, Internationale Kurzfilmtage
Oberhausen, Deutschland

FONDART, Nationales Förderstipendium für Kunst und Kultur des chilenischen Bildungsministeriums

2003
Golden Cube Preis für Greetings from Palestina (die Installation), Monitoring Ausstellung, 20. Kasseler Dokumentarfilm & Videofest, Deutschland.

Projektstipendium der Künstlerinnen-Förderung des Berliner Senats, Deutschland

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Heimat Kunst

Kulturelle Vielfalt in Deutschland

(01 April 00 - 02 July 00)