Rakoto Frah

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May 16, 2003
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In jedem Ohr und in jeder Hand

Der im Herbst 2001 im Alter von ca. 80 Jahren verstorbene Rakoto Frah war ein Meister der madagassischen Flöte „Sodina“, die er mit seiner eigentümlichen Spielweise und Phrasierung so perfekt beherrschte, dass er auch Jazzmusiker wie Ornette Coleman begeisterte. Der Komponist von weit mehr als 500 Songs stellte seine Instrumente selbst her und wird den Madagassen nicht nur durch seine Lieder und sein Spiel in Erinnerung bleiben, denn schon seit Jahrzehnten ist er auf dem am meisten genutzten Geldschein Madagaskars verewigt.
Ob traditionelle Musik, Jazz oder Rockmusik - der zwischen 1920 und 1925 (so genau weiß er das selbst nicht) in Ankadinandriana-Antananarivo geborene Philibert Rabezona, besser bekannt als Rakoto Frah, konnte alles und auf jedem Rohr blasen. Er war in Madagaskar so berühmt, dass er 1958 den französischen Staatspräsidenten De Gaulle während seines gesamten Besuches begleiten durfte und sein Bild 1960 nach der Unabhängigkeit für die 1000 Ariary-Note auserkoren wurde. Er kam auf das Bild ohne Namen, weil er es war, der den Demonstrationszug zum Präsidentenpalast anführte, der letztlich zum Fall der französischen Kolonialregierung führte. Obwohl er Hunderte (die Angaben schwanken zwischen 300 und 800!) Stücke komponiert hat, ist er nicht reich geworden.
Sein Vater und sein Onkel waren Hirten des Merina-Volkes auf dem Hochplateau nahe der Hauptstadt, die für ihre Herden spielten, und so lernte Rakoto schon mit sechs Jahren die Sodina, die madagassische Bambusflöte mit sechs Fingerlöchern und einem für den Daumen, spielen. Als er im Alter von zehn Jahren beide Elternteile verlor, war er in seinem Spiel schon so weit fortgeschritten, dass er Chef seiner ersten eigenen Band „Ambohijatobe“ wird, die bei Stadtteilfesten, Beschneidungen und „Wiederbestattungsfesten“ auftrat, bei denen die Toten, wie es in Madagaskar üblich ist, exhumiert und dann erneut begraben werden.

Die Musik, die Rakoto Frah spielte, stammt aus der Merina-Tradition des zentralen Hochplateaus Madagaskars, die zwei unterschiedliche Stilrichtungen hat: die Hira Gasy (Hira = Lied; Gasy = Madagassisch) und die Famadihana. Bei den mehrere Tage währenden „Famadihana“-Zeremonien treten Gruppen mit Sodina- und Amponga-Spielern auf (eine aus der französischen Militärmusik übernommene Trommel). Die Musik, die zu diesen Anlässen gespielt wird, ist nicht etwa düster und traurig, sondern wilde, frenetische Tanzmusik. Denn um die Toten zu erfreuen, muss man tanzen! „Famadihana“-Zeremonien sind auch Anlass zu musikalischen Wettbewerben. Die Zuschauer urteilen über die Anzahl der Musiker, die Anzahl der neu komponierten Stücke und die Power der Gruppe. Bis zu 20 Flötisten kann eine große Band umfassen.

Schnell spielte sich Rakoto auf der Beliebtheitsskala der Madagassen ganz nach oben. Bis zu 800 Stücke soll er für solche Anlässe komponiert haben. Dazu gehören auch Songs, die der Hira Gasy-Tradition, einer theatralischen Aufführung mit Musik, Tanz, Sprichwörtern und moralischen Belehrungen, entstammen. Die entweder ernsten (Relira-) oder leichten (Zanakira-) Stücke reichen von Alltags-Kommentaren über Liebe, Eifersucht und Unglücksfälle bis zu Beschreibungen der Landschaft. Sowohl „Famadihana“ und „Hira Gasy“-Stücke finden sich auf der 1985 aufgenommenen und 1999 wieder aufgelegten CD „Rakoto Frah – Flute Master of Madagascar“ des Labels Globe Style.

Ben Mandelson und Roger Armstrong, die 1985 für ihre Plattenfirma nach Madagaskar gereist waren, um dort Aufnahmen der traditionellen und populären Musik zu machen, hatten es auch nicht schwer, bei ihren Recherchen auf Rakoto zu treffen. Denn der damals 65-Jährige ist in den Vierteln der Hauptstadt Antananarivo bekannt wie ein bunter Hund. Hier trat er regelmäßig mit seiner Gruppe „Tarika (= Gruppe) Rakoto Frah“ auf. Hier war er auch ein gefragter Vermittler bei Konflikten und Streitigkeiten im Kiez.

Obwohl er ein so begabter Musiker war, lernte er doch auch noch zwei „richtige“ Berufe: Bäcker und Schmied. Doch Rakoto Frahs Berufung war zweifellos das Flötenspiel. Die Sodina ist eines der ältesten Instrumente in Madagaskar. Rakoto beherrschte ihre Herstellung genauso meisterlich wie ihr Spiel. Er hatte das absolute Gehör und ein untrügliches Auge. Wenn er auf den Markt ging, um Zeltstangen, Skistöcke oder PVC-Rohre (die zog er den traditionellen Bambusrohren vor, weil sie nicht verhext werden konnten!) für seine Flötenproduktion zu erstehen, wusste er im voraus, für welche Tonart sich welches Rohr eignet. Zuhause bohrte er die Grifflöcher dann freihändig, ohne ein Zentimetermaß zu benutzen, in die Rohre.

Reich ist er trotz der unendlichen Zahl seiner Kompositionen und Lieder nicht geworden. Denn in Madagaskar sind fast alle Kassetten Raubkopien, die von kleinen Händlern illegal kopiert werden. Die Musiker verdienen daran nichts. Und auch für Produzenten ist es so wenig lukrativ, Musik für den einheimischen Markt zu produzieren. Es gibt es kein Copyright, so dass Rakoto Frah keine Tantiemen erhielt. Bis zu seinem Lebensende lebte er in Isotry, einem armen Viertel der Hauptstadt Antananarivo. Hier wohnte er mit seiner fast 30-köpfigen Familie, hier war seine Werkstatt, hier empfing er andere Musiker und reichte sein immenses musikalisches Wissen an nachfolgende Generationen weiter, genauso wie er als „Ältester“ Rat erteilte und Streit schlichtete.

Schon früh schaffte es der Mann, der nie ohne eine Flöte anzutreffen war, zur Legende zu werden. Sein Renommée war so groß, dass der zukünftige Präsident Madagaskars Philibert Tsiranana ihn 1958 auserwählte, um General De Gaulle auf allen seinen Stationen bei einem Inselbesuch zu begleiten. Als Madagaskar zwei Jahre später unabhängig wurde, schmückte das Bild von Rakoto mit seiner Flöte, das von da an emblematisch für ihn wurde, den 1000 Ariatry-Schein. Mit dem Orchestre National folgten Tourneen in Schwarzafrika, dem Maghreb, der Sowjetunion, Europa, Indien und Australien.

Als das Regime Philibert Tsirananas 1972 wegen Korruption vom Militär abgesetzt wurde, begann auch für Rakoto Frah eine schwierige Zeit, und erst Mitte der achtziger Jahre tauchte er wieder in der Szene auf, als eine neue Generation von Musikern auf der Suche nach ihren Vorläufern war und gerne von der Erfahrung des legendären Sodina-Spielers profitierte. Von 1985 an findet sich auf fast jedem Madagaskar-Sammelalbum mindestens ein Track von und mit Rakoto Frah. Dessen musikalisches Genie kann einem „I fought the Law“-Klassiker noch ganz neue Seiten ablocken, genauso wie er spontan aus einem von David Lindley angespielten „New Orleans“ Groove einen „Two Step“ fabriziert. (“A World Out of Time“, Vol. 1).

David Lindley und Henry Kaiser, die 1991 Aufnahmen mit madagassischen Musikern machten, die ihnen der legendäre Sänger und Gitarrist Dama Mahaleo vermittelt hatte, loben den Altmeister der Flöte: „Er ist einer der erstaunlichsten Meistermusiker und Persönlichkeiten, den wir jemals getroffen haben. Seine Meisterschaft auf der Sodina hat ein Niveau, das nur mit großen, westlichen Instrumentalmeistern wie John Coltrane, Ornette Coleman, Billy Pigg oder Miles Davis vergleichbar ist. Frah weiß zweifellos geheimnisvolle Dinge der Phrasierung von Melodien, die kein anderer kennt.“

1994 war Rakoto prominentes Mitglied der “Malagasy All Stars” auf ihrer Deutschland-Tournee, die sie auch ins Berliner Haus der Kulturen der Welt führte. Seit 1995 war er die Seele der Band „Feo Gasy“ um den Gitarristen Erick Manana, mit der er 1998 eine CD „Ramano“ aufnahm und noch im August 2001 beim „Festival de Langon“ in Frankreich auftrat. Als er 29. September 2001 starb, organisierte die madagassische Regierung öffentliche Begräbnisfeiern im „Palais des Sports“ in Mahamasina, genau dort, wo am 26. Juni 1960 General De Gaulle die Unabhängigkeit Madagaskars proklamiert hatte. Am 3. Oktober wurde er im Familiengrab beigesetzt. Bei der „Famadihana“ zu seinen Ehren werden sicherlich auch seine Melodien immer wieder gespielt werden, doch mit Rakoto Frah ist der letzte große Meister der Sodina gestorben.


Veranstaltungen im HKW:
Freitag, 28. Oktober 1994
Samstag, 29. Oktober 1994
Madagaskar - Musik des vergessenen Kontinents
Malagasy All Stars
Veranstalter: Haus der Kulturen der Welt in Zusammenarbeit mit dem Cerde Germano-Malagasy

Bio

Rakoto Frah wurde zwischen 1920 und 1925 in Ankadinandriana-Antananarivo als Philibert Rabezona geboren. Der Sohn eines Merina-Hirten aus dem Zentralen Hochplateau Magadagaskars lernte mit sechs Jahren die Sodina, die madagassische Flöte. Mit zehn Jahren ist er erstmals Chef einer eigenen Band „Ambohijatobe“. Obwohl die Musikerkarriere fast vorgezeichnet ist, erhielt er auch noch eine Ausbildung als Bäcker und als Schmied. Letzteres konnte er bei der Herstellung der Sodina gut gebrauchen. Denn gegenüber dem traditionellen Bambusrohr bevorzugte er Rohre aus Zeltstangen, Skistöcken oder PVC.
Als 1958 der französische Präsident De Gaulle Madagaskar besucht, ist es Rakoto Frah, der ihn bei allen seinen Auftritten begleiten darf. 1960 kommt sein Konterfei auf die meistgenutzte Banknote der Insel. Von der Unabhängigkeit 1960 bis zum Sturz des Regime Philibert Tsirananas 1972 tourt Rakoto öfter mit dem Orchestre National in Schwarzafrika, dem Maghreb, der Sowjetunion, Europa, Indien und Australien. Mitte der achtziger Jahre wurde der Altmeister von den ersten westlichen Musikenthusiasten, die für Plattenaufnahmen nach Madagaskar kommen, entdeckt. Seitdem war er von keiner „Compilation“ madagassischer Musik mehr wegzudenken.

Obwohl er Hunderte von Songs komponiert hat, ist Rakoto Frah kein reicher Mann geworden. Er erhielt den Nationalorden. Und als er im am 29. September 2001 starb, richtete die madagassische Regierung öffentliche Begräbnisfeiern im „Palais des Sports“ in Mahamasina für den letzten großen Meister der Sodina aus.

Works

Madagascar: Chants et danses en Imerina

Published Audio,
2000
Arion 64522 : France 2000

Feo Gasy : Ramano

Published Audio,
1999
Daqui 332 008 France 1999

Souffles de vie: Flute Sodina

Published Audio,
1998
Musikela 023872: France 1998

Feo Gasy : Tsofy Rano

Published Audio,
1996
Les nuits atypiques/Melodie 08771.2: France 1996

A World out of Time. Volume 3

Published Audio,
1996
V/A: Shanachie: USA 1996

A World out of Time. Volume 2

Published Audio,
1993
V/A: Shanachie: USA 1993

Art of Rakoto Frah

Published Audio,
1992

A World out of Time. Volume 1

Published Audio,
1992
V/A: Shanachie: USA 1992

Flute Master of Madagascar

Published Audio,
1988
GlobeStyle CDORBD 027: UK 1988, reissued as a CD 1999