Bernard Khoury

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August 6, 2003
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Hommage an die Vergangenheit und die Gegenwart

Der 1968 in Beirut geborene Architekt studierte an der Rhode Island School of Design und an der Harvard University. Nach seiner Rückkehr engagierte er sich 1993 mit dem Projekt „Evolving Scars“ für einen behutsamen Umbau seiner Heimatstadt, bei dem die Wunden des Krieges nicht verleugnet werden sollten. Für den Neubau der Beiruter Diskothek B 018 in Form eines Sarges wurde Khoury 2001 für den Premio Borromi nominiert. In dieser Arbeit reflektiert er die Erfahrungen aus dem Bürgerkrieg, indem er unterschiedliche historische und mentale Kontexte zu neuen komplexen Zeichen verwebt. Er unterrichtete an mehreren Universitäten im Libanon und in den USA, ist Mitglied in mehreren Baukommissionen und entwirft Möbel. Bernard Khoury lebt in Beirut und New York.
Die vielleicht interessanteste architektonische Antwort auf den libanesischen Bürgerkrieg in Beirut begann mit einem privaten Versprechen. Im Musikclub „Studio B 018“ hatten von 1984 bis 1993 die Gäste mit Musik das Lärmen des Bürgerkrieges übertönen können. Als 1997 auch die zweite Location dieses Namens schließen musste, versprach der junge Architekt Bernard Khoury dem Besitzer und seinem Cousin Nagi Gibran: „Wir werden ein neues B 018 aufmachen!“ Und trotz aller Widrigkeiten eröffnete das neue B 018 nach weniger als einem halben Jahr Bauzeit am 18. April 1998 seine Türen. Seitdem hat es sich zur berühmtesten Diskothek Beiruts entwickelt. Clubber, Tänzer und Architekturfans können die einmalige Atmosphäre des Bauwerks allerdings nur noch bis zum 8. November 2003 genießen, denn dann läuft der Pachtvertrag für das Grundstück aus.

Zur Zeit der Planung brauchte der 1993, drei Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges, mit einem Harvard-Diplom in den Libanon zurückgekehrte Jungarchitekt dringend Arbeit: „Als ich nach meinem Studium in New York nach Beirut zurückkehrte, hatte ich keine Ahnung, worauf ich mich hier einlasse. Die ersten Jahre vegetierte ich am Existenzminimum – sechzehn Aufträge wurden im letzten Moment nicht realisiert, und ich war kurz davor, alles hinzuschmeißen. Die Erlösung kam durch das Projekt B 018. Ein unseriöses Projekt im klassischen Verständnis eines Architekten, der in seiner Ausbildung das hehre Ziel des Architekturwettbewerbs um nationale Kulturstätten vor Augen hat. Wir nahmen den unseriösen Charakter sehr ernst und trieben die Anspielungen auf die libanesische Gesellschaft auf die Spitze. Ein verführerischer Cocktail, der erst im Nachhinein seinen bitteren Kern entblößt,“ erinnert sich Khoury. (taz Magazin Nr. 7005 vom 15.3.2003)

Khoury war schon wieder enttäuscht nach New York zurückgegangen. Im Libanon war ihm wiederholt vorgeworfen worden, er lebe immer noch in der Vergangenheit und könne den Krieg nicht vergessen. Seine Projekte entsprachen nicht den eher romantischen Vorstellungen seiner Auftraggeber. Das B 018-Projekt bot ihm eine Chance, doch noch in Beirut arbeiten zu können. Der „bittere Kern“ liegt in der Geschichte des Ortes, an dem die Location gebaut ist. Schon der Makler, mit dessen Hilfe der Archtitekt das Grundstück fand, war „ jemand, der eine ziemlich belastende Vergangenheit hatte. Vor allem zu Kriegsbeginn,“ gesteht Khoury. „Dieser Mann hat mich zwei Monate lang seine Erinnerungen leben lassen. Ich sah ihn damals fast jeden Tag, weil wir zusammen nach dem Grundstück suchten. Obwohl ich keine Sympathie für seine politische Meinung oder für seine politische Vergangenheit hatte, fand ich diesen Mann sehr fesselnd. Er hatte Charisma, und er lebte noch immer in dieser Vergangenheit. Ich wusste, dass ich mit ihm die Geschichte Karantinas wiederfinden konnte. Damals wohnten um die 20 000 Menschen in Karantina, viele waren palästinensische Flüchtlinge oder muslimische Libanesen. Dieser Mann hatte an dem Massaker teilgenommen, und er erzählte mir die Details. Alles, was ich als Kind über das Massaker gehört hatte, wurde durch diesen Mann lebendig. Und 22 Jahre später sollte ich an diesem Ort einen Nachtclub errichten, auf einem Gebiet, das extrem mit Erinnerungen besetzt ist." (Monika Borgmann: „Beirut: Tanz in den Gräbern der Massaker“, www.der-ueberblick.de/200204.B 018/content.html)

Architektur ist für Bernard Khoury ein politischer Akt – erst recht in einer Stadt wie Beirut. 1993 ist er Mitbegründer des Projekts „Evolving Scars“, das den Wiederaufbau und eine schrittweise Veränderung der vom Bürgerkrieg 1975 bis 1990 zerstörten Stadt vorschlägt. Doch beim Wiederaufbau im Nachkriegsbeirut setzen sich diejenigen durch, die die schmerzvollen Erinnerungen an den Bürgerkrieg Hochhaus für Hochhaus zubetonieren. Während des Bürgerkrieges waren große Teile des Beiruter Stadtzentrums schwer zerstört worden. Im Jahr 1989 galten 47 Prozent der Wohnungen in der Agglomeration Beirut als beschädigt, 15 Prozent waren völlig zerstört. Im Verlauf des Bürgerkriegs war nach und nach die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit im Stadtzentrum zum Erliegen gekommen. Banken, Büros und Ministerien sowie der Handel waren nach außerhalb verlagert worden, und die Bewohner des historischen Zentrums hatten fast vollständig das umkämpfte Gebiet verlassen. Viele leerstehende Gebäude waren verbarrikadiert und zu militärischen Stellungen ausgebaut worden. Die Wahrnehmung der Stadt war bestimmt durch eine Geographie der Angst. Von früher her bekannte und vertraute Wege und Gebiete, eng benachbarte Gebiete waren nun plötzlich gefährlich und unzugänglich. Die Milizen hatten neue Trassen und Verbindungen zu den zunehmend religiös und ethnisch „homogenisierten“ Vororten gelegt. (s. Hans Gebhardt, Heiko Schmid, Geographisches Institut der Universität Heidelberg: Beirut – Zerstörung und Wiederaufbau nach dem Bürgerkrieg. www.uni-heidelberg.de/uni/presse/RuCa3_98/gebhardt.htm)

Viele Intellektuelle kritisierten die Vorstellung eines „Hongkong am Mittelmeer“, die lediglich 20 Prozent der ursprünglichen Bebauung erhalten wollte und sich mit dem geplanten Neubau an den Vorbildern der modernen westlichen Globalarchitektur orientierte. Die Gesamtfläche der Stadt sollte durch die Aufschüttung der sogenannten „Trümmerinsel“ um ein Drittel vergrößert werden. Die Konzeption war 1991 durch das Planungsbüro Dar-Al-Handasah entwickelt und durch die Stiftung des libanesischen Multimilliardärs und späteren Ministerpräsidenten Rafiq al-Hariri vorfinanziert worden. Der schließlich verabschiedete Plan zeigte trotz der heftigen, kontroversen Diskussion, die vorher stattgefunden hatte, keine wesentlichen Veränderungen gegenüber der ursprünglich Konzeption – nur die Aufschüttungsfläche war noch einmal vergrößert worden. Die Universität Heidelberg urteilt: „Die treibende Kraft und Hauptakteur des Wiederaufbauprozesses ist ohne Zweifel der libanesische Ministerpräsident Hariri mit seiner einflußreichen Administration. Die wichtigsten Institutionen im Wiederaufbauprozess wie der staatliche Wiederaufbaurat (Council for Development and Reconstruction, kurz CDR) und insbesondere die privatwirtschaftlich organisierte Grundstücksgesellschaft Solidere sind seinem Einflussbereich zuzurechnen. An der rechtlichen Verankerung des Beiruter Wiederaufbauprozesses waren zunächst noch das Parlament und die Regierung Sohl beteiligt, deren Handeln allerdings zunehmend eine Kompetenzabtretung zugunsten Hariris erkennen ließ. Seine Planungsvorschläge kamen 1991/92 angesichts eines schwachen, finanziell überforderten Staates mit einer ineffektiven Verwaltung nicht ungelegen.“

Während des Bürgerkrieges war zeitweise ein Drittel der Bevölkerung aus seinen angestammten Regionen vertrieben worden. Als nach dem Ende der Kampfhandlungen die Flüchtlinge zurückkehrten und teilweise wieder im ehemals umkämpften Stadtzentrum eine Unterkunft suchten, kaufte Solidere die Innenstadt regelrecht leer, um nach der Evakuierung mit dem Abriss der Gebäude beginnen zu können. In diese hyperkapitalistischen Abläufe in einer Atmosphäre kollektiver Amnesie passte ein Architekt wie Bernard Khoury nicht recht hinein. Mit der Diskothek B 018 errichtete er ein Monument gegen das Vergessen mit modernsten Mitteln. Weil er die Erinnerung an die Geschichte des Platzes erhalten wollte, ging er gewissermaßen unter die Erde. Und weil das Quartier Schauplatz eines Massenmordes gewesen war, wählte er für die Disko die Form eines Sarges. „Ich glaube, das einzig Interessante, was man in einer solchen Umgebung machen kann, sind Orte wie das B 018. Orte, die vordergründig zwar nicht politisch sind, aber in Wirklichkeit doch. Denn Architektur ist immer ein politischer Akt. Die Libanesen wollen den Krieg vergessen, das ist die wirkliche Amnesie. Wir sollten nicht einfach so tun, als wäre das alles nie passiert. Das ist das Schlimmste, was man machen kann, das ist der beste Weg, wieder dahin zu gelangen, wo wir herkommen. Wir sind mit dem B 018 unserer Verantwortung nachgekommen, wir haben anerkannt, was dort unter unseren Füßen war. Und jetzt lebt dieser Ort sein eigenes Leben.“ (Monika Borgmann: „Beirut: Tanz in den Gräbern der Massaker“, a.a.O.)

Schon vom Parkrondell, das das B 018 umgibt, präsentiert sich der Club mit einem futuristisch-militärisch anmutenden Sargdeckel. Wer eintritt, kann nicht umhin, den Sehschlitz zu bemerken, der an Scharfschützenluken in der Wand erinnert. Wer sich bückt, um dort hindurchzuschauen, erkennt einen langen Raum mit mehreren Reihen weißer Marmorsärge, die von innen leuchten. Drei Stufen im Hintergrund führen zu einer langgezogenen Bar. Die Wände sind mit rotem Samt verkleidet und die Mahagony-Stühle – auch sie in rotem Samt – haben hohe Lehnen, die die Gäste fast unsichtbar erscheinen lassen. Die Sargtische enthüllen bei einer näheren Inspektion jeweils das Foto einer Musik-Legende: Miles Davis, Um Kalthoum, John Coltrane, Mohammed Abdelwahab, Charles Mingus, George Brassens, Charlie Parker, Billie Holliday. Die Decke ist ähnlich wie ein Sarg nach oben aufklappbar. Der Spiegel über der Bar reflektiert die Lichter der Stadt und der vorbeifahrenden Autos, genauso wie umgekehrt die einen Parkplatz suchenden Autofahrer in die Disko sehen können.

Bernard Khoury versteht seine Konstruktion als eine „Hommage an die Vergangenheit und die Gegenwart“. Modernistische Prinzipien nimmt er lediglich als Ausgangspunkt für seine Ideen, mit denen er moderne Orthodoxien in Frage stellen will. Im September 2001 wurde er für das B 018 mit einer besonderen Erwähnung der Jugendsektion des „Premio Borromini“ ausgezeichnet. „Khoury bringt die Geschichte seines Landes in seine Architektur ein. Um die konstruktiven Elemente seines Projektes persönlich zu definieren, macht er einen ungewöhnlichen Gebrauch professionellen Know-hows, das einem Feld außerhalb der Architektur entstammt.“
Author: Ulrich Joßner

Bio

Bernard Khoury wurde 1968 in Beirut (Libanon) geboren. Er studierte Architektur an der Rhode Island School of Design und an der Harvard Universität, wo er 1993 den Grad eines MA in Architectural Studies erhielt. Er ist Mitbegründer der „Beirut Flight Architects“, die zur Zeit an mehreren Baukommissionen beteiligt sind. Außerdem entwirft er Möbel.

Khoury ist Autor verschiedener experimenteller Projekte, wie der 1993 begonnenen „Evolving Scars“ mit Vorschlägen, wie man die vom Krieg zerstörten Gebäude in Beirut wieder aufbauen und schrittweise verändern kann. Seine theoretischen Arbeiten setzt er auch in einzelnen Projekten um. Das bekannteste ist der Beiruter Nachtclub B 018, für dieses Werk erhielt er 2001 eine besondere Erwähnung des „Premio Borromini“. Auch der Umbau des Berliner Komplexes „Pfefferberg“ entstammt seiner Konzeption, die den Flair der mehr als hundertjährigen Geschichte der Industrieanlage in nicht-affirmativer Weise erhalten will: „Nicht renovieren und rehabilitieren, sondern intervenieren und addieren; Geschichte nicht wegbauen, Zukunft hinzufügen.“

Works

Die wichtigsten Bauwerke

Object,
2000
1993 Evolving Scars (Beirut) 1998 B 018 (Beirut) 2001 Pfefferberg (Berlin)

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

DisORIENTation

Contemporary Artists from Middle East

(20 March 03 - 11 May 03)