Kaswende

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July 7, 2003
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Ein Autokorso für den toten Präsidenten

Der 1960 in Sambia geborene, heute im Kongo lebende Maler Kaswende zählt zu jenen Künstlern, deren unexperimenteller Stil häufig als „naiv“ missverstanden wird. Dabei ist Kaswende Vertreter einer oft sehr dezidiert politischen Kunst, für die er sich eines unterweisenden, erzählerischen Gestaltungsvokabulars bedient. Neben der politischen Historienmalerei malt Kaswende traditionelle Porträts und Landschaften.
Der Maler Kaswende ist ein Grenzgänger zwischen den Staaten Kongo und Sambia, und es ist gerade dieses Grenzgängertum, welches ein bezeichendes Licht auf seine Situation als eher traditionell arbeitender Künstler wirft. Kaswende wurde 1960 in der Region Katanga am Oberlauf des Kongo in Sambia geboren, aufgewachsen ist er jedoch jenseits der Grenze, in Lubumbashi in der Volksrepublik Kongo, wo er als Gehilfe eines ortsansässigen volkstümlichen Malers auch seine erste Unterweisung in der Kunst erhielt.

In den achtziger Jahren, als die Wirtschaft in Lubumbashi kollabierte und die meisten Ausländer fortzogen, siedelte Kaswende in der Hoffnung, dort mehr Abnehmer für seine populären und auch von Touristen geschätzten Bilder zu finden, wieder über in den sogenannten Kupfergürtel von Katanga nach Sambia. Nachdem sich aber auch in dieser Gegend die wirtschaftlichen Verhältnisse verschlechterten und er überdies wegen einer fehlenden behördlichen Genehmigung Schwierigkeiten mit dem örtlichen Wirtschaftsamt bekam, ging er 1998 zurück in den Kongo. Er lebt und arbeitet heute wieder in Lubumbashi.

Kaswende gehört zu jenen Künstlern, deren auf den ersten Blick wenig experimenteller Stil oft fälschlicherweise als „naiv“ beschrieben wird. Dabei wird übersehen, dass die Motive meist alles andere als naiv sind, sondern vielmehr häufig einschneidende politische Ereignisse, gewagte Parteinahmen und generell komplizierte gesellschaftliche Entwicklungen zum Thema haben. Kaswendes Malweise ist geprägt von einem Vokabular wiedererkennbarer Formen und Figuren, eindeutiger räumlicher Verhältnisse und einer im weitesten Sinne erzählerischen Grundhaltung. Seine Bilder dienen der Darstellung, wenn sie Porträts und Landschaften sind, oder der Unterweisung und Propaganda, wenn politische Vorgänge das Motiv bestimmen.

Das Gemälde „Ohne Titel (Lumumbas triumphaler Einzug in Leopoldville)“, das Kaswende noch im Teenager-Alter in den siebziger Jahren schuf und das 2001-02 in der Ausstellung „The Short Century“ in Deutschland und den USA zu sehen war, ist ein gutes Beispiel für letztere Kategorie. Es zeigt eine Straßenszene während des Autokorso, mit dem der kongolesische Politiker und Anführer des Mouvement National Congolais in den Tagen nach Erlangung der Unabhängigkeit von der belgischen Kolonialherrschaft im Juni 1960 durch Leopoldville, das heutige Kinshasa, geleitet wurde.

Kaswende zeigt Patrice Lumumba im offenen Cabriolet, begleitet von zwei Motorrädern, durch eine moderne, von Hochhäusern flankierte Großstadtstraße fahren. Der erste Präsident der Republik Kongo ist im Auto stehend abgebildet, wie er den Zuschauern am Straßenrand zuwinkt. Die Menge ist bunt gemischt: Ein Polizist, noch in der Kolonialuniform, salutiert mit dem Gewehr in der Hand, maskierte Tänzer führen einen rituellen Tanz auf, daneben erkennt man eine Gruppe westlich gekleideter Menschen, die ein Transparent in die Höhe halten. Darauf steht: „Es lebe die Unabhängigkeit des Kongo am 30. Juni 1960, es lebe der Ministerpräsident P. E. (für Lumumbas zweiten Namen Emergy) Lumumba“. Hinter dem Wagen des Präsidenten fährt ein Militärfahrzeug mit Maschinengewehren schwenkenden Soldaten. Obgleich dieses Bild augenscheinlich ein historisches Ereignis darstellt, ist es mehr als nur eine gemalte Dokumentation – es ist ein Statement. Es demonstriert die uneingeschränkte, von allen sozialen Ständen getragene Zustimmung zum Herrschaftswechsel und zu Lumumbas Präsidentschaft.

Bedenkt man, dass das Gemälde in den siebziger Jahren entstanden ist, etliche Jahre also nach der Gefangennahme und Ermordung Lumumbas 1961, dann wird vollends klar, dass Kaswende mit diesem Historienbild eine dezidierte politische Absicht verbunden hat. In einem von Bürgerkriegen und Diktaturen drangsalierten Land sollte an einen großen Moment der Einigkeit und Einheit erinnert werden.

Diese Form der politischen – oder neutraler ausgedrückt – pädagogischen Erzählkunst ist in etlichen Ländern Zentralafrikas verbreitet, ihre Wurzeln allerdings liegen tief in der europäischen Kunstgeschichte. Seit der Romanik war es üblich, tatsächliche oder angebliche historische Ereignisse mit dem Ziel im Bild festzuhalten, deren Authentizität zu verbürgen. Diese Tradition reicht bis in das frühe 20. Jahrhundert, als sie durch die Kunstpolitik etwa in der Sowjetunion oder auch in Ländern Mittel- und Südamerikas einen neuen Aufschwung erlebte. Vor diesem Hintergrund erscheint das Realitätskonzept Kaswendes in einem anderen Licht: Es ist nicht etwa naiv oder mimetisch abbildend, sondern hochgradig konstruiert, sinnbeladen und artifiziell.
Author: Ulrich Clewing

Bio

1960 in Katanga, Sambia, geboren
Aufgewachsen in Lubumbashi, Republik Kongo
Ausbildung zum Maler ebendort
Kaswende lebt nach Aufenthalten in Sambia seit 1998 wieder in Lubumbashi.

Works

Ausgewählte Gruppenausstellungen

Exhibition / Installation
2001 „The Short Century - Befreiungsbewegungen in Afrika“, Haus der Kulturen der Welt, Berlin „The Short Century - Befreiungsbewegungen in Afrika“, Villa Stuck, München

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

The Short Century

Independence and Liberation Movements in Africa

(18 May 01 - 29 July 01)